Die Triebdfedern des menschlischen Handelns.
„Hingegen hat jeder gewisse angeborene konkrete Grundsätze, die ihm in Blut und Saft stecken, indem sie das Resultat alles seines Denkens, Fühlens und Wollens sind."
Während seines Lebens durchreiste Schopenhauer weite Teile Europas – Deutschland, die Niederlande, England, Belgien, Frankreich, die Schweiz, Österreich und Italien. Diese Erfahrungen prägten sein Denken nachhaltig. Die Reise war mit der Forderung seines Vaters verbunden, kaufmännisches Geschick zu erlernen.
Arthur empfand die Kaufmannslaufbahn als Zwang gegen seine eigene Natur. Er wollte Philosophie studieren, fügte sich aber zunächst den Forderungen seines Vaters.
Nach dem Selbstmord seines Vaters brach Schopenhauer das Kaufmannsdasein ab und begann sein Philosophiestudium. Sein Leben lang begleitete ihn das Schuldgefühl.
„Ich war nicht der Sohn, der ihn hätte entlasten können."
Auf Schopenhauers Europareise gewann er vor allem eine prägende Einsicht: Die Welt ist voller Leid, Unruhe und Vergänglichkeit. Durch seine Reisen und Beobachtungen von Menschen, Gesellschaft und Armut wurde ihm klar, dass das menschliche Leben stark von Wünschen, Mangel und Enttäuschung bestimmt ist.
Genau daraus entwickelte sich später sein berühmter Pessimismus und sein Misstrauen gegenüber den Menschen. Schopenhauer hatte mehrere Pudel und war für diese Vorliebe ziemlich bekannt. Der Pudel war bei Schopenhauer nicht nur ein Haustier, sondern auch Teil seines Images — er war ein eher einsamer, eigenwilliger Philosoph, der Tiere oft angenehmer fand als viele Menschen.
Gibt es noch wirklichen Edelmut?
Du bist mit dem Auto unterwegs und wirst plötzlich von deinem Handy abgelenkt. Es dauert nur eine Sekunde – dann ist es passiert: Du hast einen Passanten angerempelt. Kurz darauf fährt dir ein älterer Herr hinten drauf, der glaubt, er sei schuld am gesamten Unfall.
Was sind deine Handlungsmöglichkeiten? Welche Motive würden dich leiten – Eigeninteresse, Mitgefühl oder Wut? Welche Gefühle gehen in dir vor?
Schopenhauer ist überzeugt: Das Fundament der Ethik kann gefunden werden indem man die Handlungen der Menschen analysiert - nicht durch reine Vernunft oder abstrakte Prinzipien, sondern durch Erfahrung. Die entscheidende Frage lautet: Gibt es Handlungen mit echtem moralischem Wert?
Niemanden schädigen – auch wenn man es könnte.
Anderen helfen ohne jede Hinterabsicht.
Selbstloses Handeln aus innerer Güte heraus.
Der Egoismus richtet sich ausschließlich nach dem eigenen Vorteil. Das Ich steht im Mittelpunkt aller Überlegungen.
Ist aktiv auf das Leiden anderer ausgerichtet. Bosheit genießt den Schmerz des Gegenübers als Selbstzweck.
Richtet sich nach dem Wohlergehen anderer. Es ist die einzige Triebfeder, aus der moralisch wertvolle Handlungen entstehen können.
Moralisch irrelevant oder verwerflich, je nachdem ob andere geschädigt werden.
Immer moralisch verwerflich – das Leid des anderen ist ihr einziger Zweck.
Die einzige Quelle moralisch wertvoller Handlungen – das Fundament jeder Moral.
„Alles für mich, nichts für die anderen!"
Egoismus ist keine moralische Schwäche Einzelner, sondern ein anthropologisches Grundphänomen.
Eine Ichbezogenheit, die anderen nicht schadet.
Beispiel: Für eine Prüfung lernen, um eine gute Note zu bekommen.
Die Erfüllung des eigenen Egoismus geht auf Kosten anderer.
Beispiel: Einem Konkurrenten das Bein stellen, um den Wettkampf zu gewinnen.
„Verletze alle, so sehr du kannst!"
Das Übelwollen entsteht laut Schopenhauer aus dem Zusammenprallen von Egoismen, unseren Schwächen und Lastern, Unzufriedenheit aus Neid und Schadenfreude. Das Leid der anderen wird nicht Mittel zum Zweck – es wird zum Zweck an sich.
Der Egoist schadet anderen nur dann, wenn es seinem eigenen Vorteil dient. Der Bösartige hingegen leidet am Wohlergehen anderer und empfindet das Leid des Gegenübers als Befriedigung.
Die Schadenfreude ist für Schopenhauer der deutlichste Ausdruck der Bosheit: das genaue Gegenteil des Mitleids und Zeichen eines tief verwurzelten moralischen Defekts.
„Die Abwesenheit aller egoistischen Motivation ist also das Kriterium einer Handlung von moralischem Wert."
Moralisch wertvoll sind ausschließlich altruistische Handlungen. Wer Gutes tut, darf in keiner Weise das eigene Wohl im Auge haben.
Nicht die gute Tat selbst, sondern dass sie aus guter Gesinnung entspringt, macht ihren moralischen Wert aus.
Wirken eigennützige Motive neben uneigennützigen, so wird der moralische Wert der Handlung geschmälert oder ganz aufgehoben.
Beispiel: Ich helfe jemandem, weil er mir leidtut – rufe aber gleichzeitig die Presse an, damit sie über meine Heldentat berichten. Für Schopenhauer ist diese Handlung moralisch wertlos.
Das moderne Phänomen der öffentlichen Selbstinszenierung beim Helfen – etwa in sozialen Medien – wäre für Schopenhauer ein Paradebeispiel für moralisch entwertete Handlungen. Sobald die Anerkennung durch andere zum Motiv wird, verliert die Handlung ihren echten moralischen Gehalt.
„Hilf anderen, so viel du kannst!"
Im echten Mitleid löst sich die Grenze der Persönlichkeit auf. Es kommt zu einer tiefen Identifikation mit dem Anderen, weil jeder Mensch eigene Erfahrungen mit Schmerz und Leid gemacht hat.
„Dies aber setzt notwendig voraus, dass ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mitleide, sein Wehe fühle, wie sonst nur meines, und deshalb sein Wohl unmittelbar will, wie sonst nur meines."
Was passiert mit Menschen, die ihr ganzes Leben von Leid ferngehalten oder behütet worden sind? Können sie überhaupt echtes Mitleid empfinden – oder fehlt ihnen die notwendige eigene Leid-Erfahrung als Grundlage der Identifikation?
Tippe auf jeden Fall, um ihn einzuordnen:
Mitleid ist kein erlerntes Wissen, das man aus Büchern schöpft. Es entsteht durch unmittelbare Erfahrung und bleibt für Schopenhauer ein tief empfundenes Mysterium.
Obwohl ich nicht der Andere bin, kann ich sein Leiden innerlich miterleben. Ich identifiziere mich mit ihm – die Grenze zwischen Ich und Du verschwimmt.
Das Mitleid bildet das Fundament der humanitas – der Menschlichkeit schlechthin. Es ist das Band, das Menschen als moralische Wesen miteinander verbindet.
Mitgefühl kann sich sowohl als Mitleid als auch als Mitfreude äußern. Es bezeichnet eine gefühlsbezogene Kenntnisnahme des Leidens oder der Freude eines anderen.
Mitleid bezieht sich eindeutig auf das Leid – die unmittelbare Anteilnahme am Schmerz des anderen. Es ist tiefer und spezifischer als das bloße Mitgefühl.
„Dies aber setzt notwendig voraus, dass ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mitleide, sein Wehe fühle, wie sonst nur meines."
„Mitleid setzt Betroffenheit durch unmittelbare Anschauung von fremdem Leid voraus. Fehlt diese unmittelbare Anschauung, so kann ein Handeln aus Mitleid nicht zustande kommen."
Mitleid ist auf unmittelbare Leidwahrnehmung angewiesen. Es wirkt nur bei direkter Begegnung – für globale oder abstrakte Probleme (z. B. Klimawandel, Welthunger) scheint es unzureichend.
Da Mitleid auf einer Gefühlsregung beruht, kann es zu unvernünftigen oder sogar schädlichen Handlungen führen.
Beispiel: Einem verzweifelten Schüler beim Spicken helfen.
Jede Handlung geht auf Egoismus, Bosheit oder Mitleid zurück. Nur das Mitleid kann moralisch wertvolle Handlungen erzeugen.
Moralischer Wert liegt ausschließlich in der vollständigen Abwesenheit egoistischer Motivation. Die Gesinnung entscheidet – nicht das Ergebnis.
Im echten Mitleid löst sich die Grenze zwischen Ich und Du auf. Diese Identifikation mit dem Leid des anderen ist das Fundament der Moral.
„Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Thiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein."