Der Begründer des Utilitarismus — eine der einflussreichsten, zugleich sonderbarsten Gestalten der Philosophiegeschichte. Zwischen exzentrischem Lebensstil und bahnbrechender Ethiktheorie.
Bentham war so scheu, dass er Besuch nur einzeln aushalten konnte — bemerkenswert für einen Gesellschaftstheoretiker.
Er hielt Ratten und ein Schwein als Haustiere — eine Vorliebe, die seinen Kritikern willkommene Angriffsfläche bot.
Er schlug vor, tote Verwandte nicht zu begraben, sondern auszustopfen und als Dekoration aufzustellen.
Für Bentham fehlen Gesetzen und moralischen Prinzipien, die sich auf das persönliche Gewissen, das Naturrecht oder den „gesunden Menschenverstand" berufen, jede logische oder wissenschaftliche Begründung. Intentionen und Motivationen lassen sich nicht messen — Handlungsresultate hingegen sehr wohl.
Er versteht den Menschen als Lust-Schmerz-Organismus, der stets Lust sucht und Schmerz meidet. Gesetze und Moral sollten demnach nur dann befolgt werden, wenn sie die Lust der Menschen steigern.
Wegen seiner lustorientierten Philosophie wird Bentham von Kritikern als Anhänger des „Schweineglücks" bezeichnet. Ist eine Ethik, die allein auf Lust und Schmerz basiert, wirklich tragfähig?
Moral ist keine Frage des Gefühls oder der Tradition — sie ist berechenbar. Was die Gesamtsumme an Glück maximiert, ist moralisch richtig.
„Was also ist das Interesse der Gemeinschaft? — Die Summe der Interessen der verschiedenen Glieder, aus denen es sich zusammensetzt."
Moralisch richtig ist, was die Gesamtsumme an Glück in der Gesellschaft maximiert — ableitbar aus den Einzelinteressen aller Mitglieder.
Das Individuum zählt — aber nur als Teil der Gesamtrechnung. Kein Einzelinteresse darf das Wohl der Gemeinschaft übertrumpfen.
Die Regierung möchte ein Gesetz zur Abtreibung erarbeiten. Die Öffentlichkeit wird befragt, Glückssummen werden berechnet, und die Gesetze richten sich danach. Die Mehrheit bekommt, was sie will — Utilitarismus ist demokratisch.
Benthams Lustprinzip ist rein teleologisch und ignoriert moralische Normen. Jede Entscheidung ist legitim, solange sie mehrheitlicher Lust dient.
Wenn die Diskriminierung einer Minderheit zur Lust der Mehrheit beiträgt, wäre dies unter Benthams Prinzip legitim — sogar eine Sklavengesellschaft.
Der Utilitarismus ist eine teleologische (zweckorientierte) Ethik. Für Utilitaristen zählen nicht die Motive oder Prinzipien einer Handlung — sondern ausschließlich die Folgen. Das Augenmerk liegt auf der Handlung, nicht auf dem Handelnden.
Menschliche Motive sind nicht sichtbar oder messbar, die Folgen einer Handlung hingegen sehr wohl. Daher lässt sich Moral auf empirische Weise bestimmen — auch als „Konsequentialismus" bezeichnet.
Während Kant fragt „Was ist meine Pflicht?", fragt Bentham „Was bewirkt meine Handlung?" — zwei grundlegend verschiedene Zugänge zur Moral.
Ein Hirnchirurg und ein Bettler treiben nach einem Schiffsunglück auf einem vollgesogenen Floß, das nur eine Person tragen kann.
Das Leben des Chirurgs überwiegt, weil er einen größeren gesellschaftlichen Nutzen hat. Die zukünftigen Konsequenzen der Rettung entscheiden — nicht der Eigenwert des Lebens.
Zur Reflexion: Ist diese Schlussfolgerung moralisch vertretbar? Was sagt es über den Utilitarismus aus, wenn der Wert eines Menschenlebens allein an seiner gesellschaftlichen Nützlichkeit gemessen wird?
Bentham ist der Begründer des Utilitarismus (lat.: utilis = nützlich). Diese Lehre beruht auf dem Prinzip der Nützlichkeit: Der moralische Wert einer Handlung wird ausschließlich an ihrer Nützlichkeit gemessen.
Ziel ist ein Maximum an Glück für die größtmögliche Anzahl an Personen. Gesetze und gesellschaftliche Regeln werden danach bewertet, wie viel kollektives Wohlbefinden sie erzeugen. Gemeinwohl steht über Einzelinteressen.
Hier steht das größtmögliche Glück für das Individuum im Mittelpunkt. Jede Handlung wird danach bewertet, wie sehr sie dem handelnden Einzelnen nützt. Persönliches Wohlbefinden ist der Maßstab moralischer Entscheidungen.
Kritiker werfen den Utilitaristen vor, ihre Ethik beziehe sich allein auf körperliche Lust — ähnlich wie bei Tieren.
Schon die Epikureer wurden in der Antike zu Unrecht als Hedonisten geschmäht; für Epikur beruhte Glück hauptsächlich in der Seelenruhe.
John Stuart Mill hatte Bedenken wegen Benthams vulgärer Haltung und sprach lieber von „Glück" statt von „Lust".
Menschen besitzen edlere Fähigkeiten — intellektuelle und moralische —, die sie grundlegend vom Tier unterscheiden.
Kein menschliches Wesen ist bereit, seine Stellung mit der eines Tieres zu tauschen — auch nicht gegen garantierte, ungetrübte Zufriedenheit.
Kein intelligentes Wesen würde seine Position mit der eines Dummkopfs tauschen, selbst wenn dieser glücklicher wäre.
Kein empfindsamer Mensch würde seine Stellung mit der einer egoistischen und niederträchtigen Person tauschen.
„Besser ein unzufriedener Mensch zu sein, als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates, als ein zufriedener Narr."
Handlungen sind richtig oder falsch abhängig von ihren Konsequenzen — nicht von den Motiven des Handelnden oder abstrakten Prinzipien. Was zählt, ist das Ergebnis.
Die Konsequenzen bemessen sich nur an der bewirkten Quantität von Glück und Unglück. Moralisch gut ist, was insgesamt mehr Glück als Leid erzeugt — messbar und berechenbar.
Das Glück jeder Person zählt gleich viel. Kein Individuum wird bevorzugt — jeder zählt als eine Einheit in der Gesamtrechnung des gesellschaftlichen Wohls.
Welcher dieser drei Grundsätze erscheint am problematischsten? Und: Kann eine Ethik, die Moral auf Berechenbarkeit reduziert, den Anforderungen einer komplexen Gesellschaft gerecht werden?