1902–1994 — Popper revolutioniert die Wissenschaftstheorie: Kein Wissen ist endgültig gesichert. Wissenschaft lebt nicht von Bestätigung, sondern von Falsifikation — der mutigen Bereitschaft, sich irren zu lassen.
„Das wissenschaftliche Wissen ist kein Wissen: Es ist nur Vermutungswissen."
Wissenschaft liefert keine endgültigen Wahrheiten — sie liefert vorläufige Hypothesen, die so lange gelten, bis ein Gegenbeispiel sie widerlegt. Das ist keine Schwäche der Wissenschaft, sondern ihre eigentliche Stärke.
Ist gesicherte Erkenntnis in der modernen Wissenschaft überhaupt möglich?
1919 beobachtete Arthur Eddington während einer totalen Sonnenfinsternis, dass Licht durch die Schwerkraft der Sonne abgelenkt wird — genau wie Einstein es vorhergesagt hatte. Newtons 200 Jahre altes Gravitationsmodell war damit falsifiziert. Ein Paradebeispiel für Poppers Wissenschaftstheorie.
„Obwohl wir uns in der Wissenschaft so gut als möglich bemühen, die Wahrheit aufzufinden, sind wir uns doch des Umstandes wohl bewusst, dass wir nie sicher sein können, ob wir sie besitzen."
Eine Hypothese ist eine widerspruchfreie, jedoch unbewiesene Aussage, die für die Erarbeitung weiterer Erkenntnisse als wahr angenommen wird.
Hypothetisch gilt Wissen nur vorläufig als wahr — solange kein Gegenbeispiel gefunden wurde.
Eine Hypothese muss sich über wiederholte Falsifikationsversuche hinweg immer wieder bewähren.
Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen mit intersubjektiv anerkannten Beobachtungen übereinstimmen — d.h. Beobachtungen, die zwischenmenschlich geteilt und bestätigt werden können. Nur so kann Wissenschaft über subjektive Einzelerfahrungen hinausgehen.
Man sammelt möglichst viele Einzelerfahrungen (inducere = hineinnehmen), um dann eine allgemeine Theorie zu bilden. Aus singulären Aussagen (Prämissen) wird eine Allaussage (Konklusion) abgeleitet.
Die gewonnenen Gewissheiten sind subjektiv. Wissenschaftliches Wissen besteht prinzipiell nur aus immer neuen Hypothesen und Erklärungsmodellen — die nur so lange gültig sind, bis sie widerlegt werden.
„Alle Schwäne sind weiß" — eine Hypothese, die durch millionen Beobachtungen gestützt wurde. Ein einziger schwarzer Schwan (Australien, 1697) falsifizierte sie sofort. Induktion kann nie absolute Wahrheit liefern.
Auch wissenschaftliche Methode kann keine endgültigen Wahrheiten aufstellen. Dies liegt nicht daran, dass Wissenschaftler schlampig arbeiten, sondern an der prinzipiellen Beschaffenheit der Wahrheitsfindung in der Naturwissenschaft.
Horoskope sind nicht falsifizierbar — nicht weil sie wahr sind, sondern weil sie so formuliert sind, dass sie sich gegen jeden Widerspruch immunisieren. Das macht sie zur Pseudowissenschaft.
Werden deduktiv falsifiziert: Ein einziger Einzelfall, der der Regel widerspricht, reicht zur Widerlegung.
Werden induktiv falsifiziert: Einzelfälle entsprechen nicht der Beobachtung.
In der Wissenschaftsgeschichte sieht Popper Versuche, Theorien gegen Falsifikationen zu immunisieren. Dies führt laut Popper zu dogmatischen Überzeugungen — und damit zur Pseudowissenschaft. Eine Theorie, die alles erklärt, erklärt nichts.
Klicke auf jede Aussage: Ist sie falsifizierbar (wissenschaftlich) oder nicht falsifizierbar (pseudowissenschaftlich)?
Wir bilden zuerst eine allgemeine Hypothese oder Gesetzmäßigkeit — nicht durch Sammeln von Erfahrungen, sondern durch kühne Vermutung.
Deduktiv (lat. deducere = ableiten) werden die zu erwartenden Ergebnisse aus der Theorie abgeleitet.
Am Ende prüfen wir, ob die Beobachtung mit der Vorhersage übereinstimmt. Ein Gegenbeispiel falsifiziert die Theorie.
Wissenschaft gründet sich auf das Verfahren von „trial and error" — Versuch und Irrtum. Nicht das Bestätigen, sondern das mutige Widerlegen-Wollen treibt den Fortschritt voran.
„Der kritische Rationalismus, den ich vertrete, ist die Einstellung oder die Bereitschaft eines Menschen, auf kritische Argumente zu hören und von seinen Fehlern zu lernen."
Der Kritische Rationalismus ist Poppers Antwort auf die zentrale erkenntnistheoretische Frage: Wie gelangen wir zu Wissen, wenn wir nie sicher sein können, die Wahrheit zu besitzen?
Popper vereint zwei scheinbar gegensätzliche Haltungen: den Rationalismus — die Überzeugung, dass Vernunft und Argumentation das einzige Mittel zur Erkenntnis sind — und die kritische Bescheidenheit, dass kein Wissen je als endgültig gesichert gelten darf.
Vernunft und Argumentation sind das einzige legitime Mittel zur Erkenntnisgewinnung — nicht Tradition, Autorität oder Gefühl.
Jede Theorie, jede Überzeugung muss dem kritischen Test standhalten. Kein Wissen ist sakrosankt — alles darf und soll hinterfragt werden.
Popper richtet sich explizit gegen jede Form von Dogmatismus — die Tendenz, eine Theorie gegen Kritik zu immunisieren und als absolute Wahrheit zu verteidigen. Wer keine Kritik zulässt, betreibt keine Wissenschaft, sondern Glaubenslehre.
„Ich weiß, dass ich nichts weiß — und kaum das."
Für Popper ist der Kritische Rationalismus die Grundlage der offenen Gesellschaft: eine Gesellschaft, die auf Institutionen beruht, die Kritik, Widerspruch und Reform ermöglichen — im Gegensatz zu geschlossenen, dogmatischen Systemen wie Totalitarismus und Ideologie.
Kritik ist erlaubt und erwünscht. Institutionen können reformiert werden. Irrtümer dürfen eingestanden und korrigiert werden.
Dogmatische Systeme immunisieren sich gegen Kritik. Totalitarismus und Ideologie dulden keinen Widerspruch — und können sich deshalb nicht korrigieren.