Philosophia
Thomas Hobbes mit langem grauem Haar und weißem Kragen, ein Buch in der Hand
Politique Chapitre I

Thomas Hobbes

Von der menschlichen Natur zum Staatsvertrag: Wie begründet Hobbes die Notwendigkeit eines absolutistischen Staates — und warum ist der Mensch für ihn kein „zoon politikon“?

Denkaufgabe Hobbes · Einleitung

Einstiegsfragen

Zwei Grundfragen der politischen Philosophie.

Der Mensch ist…
  • …ein Herdentier — von Natur aus auf Gemeinschaft angelegt?
  • …oder ein Einzelgänger — der nur aus Eigeninteresse kooperiert?
Der Staat ist…
  • …eine natürliche Ordnung — wie Aristoteles behauptet?
  • …oder eine menschliche Erfindung — ein künstliches Gebilde?
Hobbes' Antwort

Hobbes vertritt die Meinung, der Staat sei eine menschliche Erfindung — ein künstliches Gebilde, das aus dem Staatsvertrag resultiert. Der Mensch ist von Natur aus kein politisches Wesen.

Biographie Hobbes · Leben & Werk

Hobbes und seine Philosophie

Angst als Ausgangspunkt eines ganzen Denkens.

„(She) did bring forth Twins at once, both Me and Fear.“
— Thomas Hobbes über seine Geburt im Jahr der Armada (1588)

Angst spielt in Hobbes' Philosophie eine zentrale Rolle — die sogenannte Hobbesian Fear. Er wurde in genau dem Jahr geboren, in dem die spanische Armada England bedrohte.

Kindheit
Hobbes war ein Wunderkind — konnte mit 4 Jahren bereits rechnen, lesen und schreiben.
Europareise
Auf einer Reise knüpft er Kontakte mit Descartes und Galileo — prägende intellektuelle Begegnungen.
Bürgerkrieg
Hobbes erlebt den englischen Bürgerkrieg und den Dreißigjährigen Krieg in Europa — beide prägen seine pessimistische Anthropologie.
1651
Erscheint Hobbes' Hauptwerk „Leviathan“ — benannt nach einem biblischen Seeungeheuer. Der Staat soll laut Hobbes eine furchteinflößende Funktion haben.
Kernthese

Hobbes steht im Gegensatz zur antiken Auffassung: Während Aristoteles den Menschen als zoon politikon — als von Natur aus staatliches Wesen — betrachtete, sieht Hobbes den Staat als künstliche Schöpfung der Vernunft.

Geschichte Hobbes · Historischer Kontext

Der Englische Bürgerkrieg

Der historische Kontext, der Hobbes' Denken über Macht und Ordnung geprägt hat.

Wische oder scrolle durch die Jahre
  1. 1629
    Karl I. beginnt, 11 Jahre ohne Parlament zu regieren — „Eleven Years' Tyranny"
  2. 1640
    Karl beruft Parlament ein — verliert den Bischofskrieg gegen Schottland
  3. 1641
    Gescheiterter Staatsstreich Karls — England spaltet sich in Royalisten & Parlamentarier
  4. 1642
    Bürgerkrieg bricht aus — Cromwell steigt zum Feldherrn des Parlamentsheeres auf
  5. 1649
    Karl I. wird hingerichtet — Cromwell ruft die Republik aus
  6. 1651
    Hobbes veröffentlicht den Leviathan — seine Antwort auf den Bürgerkrieg
  7. 1660
    Parlament wählt Karl II. — Rückkehr zur Monarchie
Bevölkerungsverlust durch den Krieg

Der Krieg forderte massive Opfer: England verlor ca. 4 %, Schottland ca. 6 % und Irland ca. 40 % seiner Bevölkerung.

Denkaufgabe Hobbes · Anthropologie & Politik

Stellt euch eine Welt ohne Regeln vor…

…wie würde diese wohl aussehen?

The Walking Dead

Zusammenbruch gesellschaftlicher Strukturen

The Purge

Eine Nacht ohne Gesetze und Konsequenzen

The Road

Bloßes Überleben ohne Zivilisation

Genau diesen Zustand nennt Hobbes den Naturzustand — und er sieht ihn nicht als historische Epoche, sondern als logische Konsequenz der menschlichen Natur ohne staatliche Ordnung.

Hauptwerk Hobbes · Der Leviathan (1651)

Der Leviathan

Ein biblisches Seeungeheuer als Symbol für die Allmacht des Staates.

„Niemand ist so kühn, daß er ihn reizen darf; […] Auf Erden ist seinesgleichen niemand; er ist gemacht, ohne Furcht zu sein. Er verachtet alles, was hoch ist.“
— Luther-Übersetzung der Bibel, 1534

Der Titel von Hobbes' Hauptwerk ist einem Seeungeheuer der jüdisch-christlichen Mythologie entnommen. Er will damit ausdrücken: Der Staat soll eine furchteinflößende, alles überragende Macht sein.

Absolutistisch

Hobbes entwickelt ein absolutistisches Staatsmodell: Der Herrscher verfügt über alle Gewalt und steht über den Gesetzen.

Künstlich

Der Staat ist eine menschliche Erfindung — kein Naturprodukt, sondern ein künstliches Gebilde, das aus dem Staatsvertrag resultiert.

Kein Zoon Politikon

Der Mensch ist kein politisches Wesen von Natur aus — er muss durch eine überlegene Staatsmacht im Zaum gehalten werden.

Analyse Hobbes · Der Leviathan heute

Eine leviathanische Darstellung?

Ein nordkoreanisches Propagandagemälde zeigt Kim Jong-il inmitten seiner Armee — analysiert durch Hobbes' Augen.

Überlegene Gewalt

Raketen, Raketenwerfer, Soldaten, so weit das Auge reicht: Hinter dem Herrscher steht eine überwältigende Militärmacht. Hobbes: Der Souverän muss so mächtig sein, dass niemand es wagt, ihn herauszufordern.

Alle in einem

Der Herrscher in Weiß bildet das helle Zentrum, alle anderen ordnen sich um ihn herum und lächeln ihm zu. Wie beim Leviathan, dessen Körper aus den Untertanen besteht, scheint das ganze Volk in einer Person vereint.

Ordnung statt Chaos

Ruhig schreitet er durch Schnee und Sturm: Wo der Souverän ist, herrscht Ordnung und Sicherheit. Hobbes: Nur die Macht des Souveräns schützt vor dem Krieg aller gegen alle.

Zum Nachdenken

Würde Hobbes einem solchen Staat zustimmen? Bedenke: Für Hobbes ist der Souverän dazu da, das Leben seiner Untertanen zu schützen. Was gilt, wenn der Staat selbst zur Bedrohung für ihr Leben wird?

Politiktheorie Hobbes · Absolutismus

Der Absolutismus

Der Absolutismus ist eine Regierungsform, bei der ein Herrscher vollständig über die souveräne Ausübung aller Staatsgewalt verfügt und selbst über dem Gesetz steht.
Merkmale
  • Unbegrenzte, unteilbare Souveränität
  • Herrscher steht über dem Gesetz
  • Keine Gewaltenteilung
  • Vollständige Kontrolle über Justiz, Heer und Verwaltung
Hauptaufgabe

Die Hauptaufgabe des Monarchen ist laut Hobbes die Bewahrung des inneren Friedens und der Sicherheit — alles andere ist diesem Ziel untergeordnet.

„Der Leviathan schützt — dafür gehorchen wir."

Anthropologie Hobbes · Der Naturzustand

Der Naturzustand

Ein fiktiver Zustand ohne gesellschaftliche Organisation — kein historisches Ereignis.

„Es liegen in der menschlichen Natur drei hauptsächliche Konfliktursachen: Erstens Konkurrenz, zweitens Misstrauen, drittens Ruhmsucht. […] Das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz."
— Thomas Hobbes, Leviathan

Der Naturzustand ist keine historische Epoche, sondern ein fiktiver Gedankenversuch: Was würde passieren, wenn es keine gesellschaftliche Organisation und keine Regeln gäbe?

Konkurrenz

Seine Triebe veranlassen den Menschen, nach allem und nach immer mehr zu streben — ein endloser Wettbewerb um Ressourcen.

Misstrauen

Entsteht aus Konkurrenzdenken, Selbstschutz und Besitzanspruch — jeder sieht im anderen eine potenzielle Bedrohung.

Ruhmsucht

Der egoistische Mensch strebt von Natur aus nach Ansehen und Anerkennung — Statusdenken als Konfliktquelle.

Anthropologie Hobbes · Menschenbild

Realist oder Misanthrop?

Hobbes' Menschenbild — eine bis heute umstrittene Frage.

Hobbes' Befürchtung war, dass alle Menschen von Natur aus egoistisch sein könnten — überwiegend nach eigenem Vorteil, Selbsterhaltung und materiellen Gütern strebend.

Misanthrop?

Kritiker werfen Hobbes vor, er sei ein Menschenfeind — er male ein zu negatives, ungerechtes Bild der menschlichen Natur.

Realist?

Wohlgesonnene Kritiker erwidern: Hobbes sei einfach realistisch gewesen — er beschreibe die Natur des Menschen so, wie sie ist, nicht wie wir sie uns wünschen.

„…dass er beim Schlafengehen seine Türen und sogar in seinem Hause seine Kästen verschließt. Welche Meinung hat er also von seinen Mit-Untertanen, wenn er bewaffnet reist?"
— Thomas Hobbes

Hobbes argumentiert: Jeder Mensch handelt täglich so, als ob er dem anderen misstraut — er schließt Türen ab, trägt Waffen. Damit beweist er seinen eigenen Realismus durch das alltägliche Verhalten aller Menschen.

Begriffserklärung Hobbes · Naturzustand vs. Anarchie

Naturzustand ≠ Anarchie

Ein wichtiger Unterschied, den Hobbes selbst betont.

Naturzustand (Hobbes)

Ein theoretisches Gedankenexperiment — Hobbes nutzt ihn, um die Notwendigkeit des Staates zu beweisen. Es ist kein politisches Programm, sondern eine Begründungsfigur.

Anarchie

Eine politische Position, die die Auflösung staatlicher Herrschaftsstrukturen aktiv fordert. Anarchismus ist antistaatlich — er sieht den Staat als Problem, nicht als Lösung.

Achtung

Hobbes beschreibt den Naturzustand, um zu zeigen, warum wir einen Staat brauchen. Der Anarchist hingegen glaubt, wir könnten ohne Staat gut leben. Die Positionen sind entgegengesetzt.

Politiktheorie Hobbes · Bellum omnium contra omnes
Tippe auf die Nummern im Bild: Was fehlt im Kriegszustand, und warum?

Der Kriegszustand

Bellum omnium contra omnes — der Krieg aller gegen alle.

„Daraus ergibt sich klar, dass die Menschen während der Zeit, in der sie ohne eine allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht leben, sich in einem Zustand befinden, der Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden.“
— Thomas Hobbes, Leviathan

Der Kriegszustand ergibt sich als logische Folge aus dem Naturzustand:

Konsequenz 1

Ohne Machthaber ist jeder auf seine eigene Kraft und seinen Erfindungsreichtum angewiesen — kein Schutz durch Institutionen.

Konsequenz 2

Es gibt keinen Sinn, fleißig zu sein — da man sich des Erarbeiteten nicht sicher sein kann. Eigentum ist wertlos ohne Schutz.

Folge

Durch den Kriegszustand ist kein Fortschritt möglich — was bleibt, ist das blanke Überleben. Keine Kultur, keine Wissenschaft, keine Gesellschaft.

Ethik Hobbes · Moral im Naturzustand

Keine Moral ohne Gesetz

Im Naturzustand gibt es weder Gut noch Böse — nur Handlungen.

„Die Begierden und anderen menschlichen Leidenschaften sind an sich keine Sünde. Die aus diesen Leidenschaften entspringenden Handlungen sind es ebenfalls so lange nicht, bis die Menschen ein Gesetz kennen, das sie verbietet."
— Thomas Hobbes, Leviathan
Keine Moral

Es gibt keine „guten" oder „schlechten" Handlungen — ohne Gesetz gibt es keine moralische Unterscheidung.

Recht auf Alles

Der Mensch hat im Naturzustand ein absolutes Recht auf alles — einschließlich des Lebens anderer Menschen.

Kein Eigentum

Es gibt kein dauerhaftes Eigentum — was man besitzt, kann jederzeit durch Stärkere weggenommen werden.

„Wo keine allgemeine Gewalt ist, ist kein Gesetz, und wo kein Gesetz, keine Ungerechtigkeit."
— Thomas Hobbes
Rechtstheorie Hobbes · Das Naturrecht

Das Naturrecht

Das Recht, das im Naturzustand gilt — unabhängig von jeglichen positiven Gesetzen.

Das Naturrecht entspringt der natürlichen Weltordnung bzw. der Natur des Menschen — unabhängig von Konventionen und positivem Recht.

Inhalt des Naturrechts

Das Naturrecht besteht darin, dass jeder die Freiheit hat, sein eigenes Leben zu schützen und alles zu tun, um sich selbst zu erhalten.

Konsequenz

Da jeder ein Recht auf alles hat und es ohne Gesetze kein Unrecht gibt, herrscht im Naturzustand ständige Angst und Gefahr eines feindlichen Übergriffes.

Warum das wichtig ist

Das Naturrecht ist der Ausgangspunkt für Hobbes' Begründung des Staatsvertrags: Weil jeder Angst vor dem anderen hat, ist es rational, einem Herrscher alle Macht zu übertragen — als Schutz vor dem Krieg aller gegen alle.

Zusammenfassung Hobbes · Kernthesen

Hobbes — Die drei Kernthesen

Das Fundament seiner politischen Philosophie.

01
Der Mensch

Der Mensch ist kein zoon politikon. Er ist von Natur aus egoistisch, misstrauisch und ruhmgierig — kein gemeinschaftliches Wesen.

02
Der Naturzustand

Ohne Staat herrscht der Krieg aller gegen alle. Das Leben ist „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz."

03
Der Staat

Der Staat ist eine menschliche Erfindung — ein Vertrag, in dem Menschen alle Macht an einen Souverän abtreten, um Sicherheit zu erhalten.

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