Philosophia
John Rawls mit Brille, Anzug und Krawatte, nachdenklich zur Seite blickend
Gerechtigkeit Chapitre IV

John Rawls

Was sind die Grundlagen einer gerechten Gesellschaft? Rawls antwortet mit einem revolutionären Gedankenexperiment: dem Schleier des Nichtwissens.

Einleitung Rawls · A Theory of Justice

Gerechtigkeit als Fairness

1921–2002 — John Rawls löst mit seinem Hauptwerk eine Renaissance der Politischen Philosophie aus.

"A just society is a society that if you knew everything about it, you'd be willing to enter it in a random place."
— John Rawls, A Theory of Justice (1971)

Rawls bietet mit A Theory of Justice eine grundlegende Antwort auf die Fragen: Was macht eine gerechte Gesellschaft aus? Worin besteht soziale Gerechtigkeit? Sein Werk löste eine Renaissance der Politischen Philosophie aus und verlieh Konzepten wie dem Kontraktualismus und der Entscheidungstheorie nachhaltige Impulse.

Rawls ist Kontraktualist

Um die Grundprinzipien einer gerechten Gesellschaft zu bestimmen, greift Rawls auf die klassische Idee des Gesellschaftsvertrages zurück — allerdings unter einer entscheidenden Bedingung: dem Schleier des Nichtwissens.

Gedankenexperiment Rawls · IV.1 Verteilungsgerechtigkeit — Die WG

Gedankenexperiment — Die Wohngemeinschaft

Eine WG zu gründen ist ein alltäglicher und zugleich komplexer Vorgang. Arbeitet gemeinsam einen Mietvertrag aus, der für alle beteiligten Personen gerecht ist.

In der Wohngemeinschaft leben sechs Personen: Oma Krause, Geschäftsfrau Julia, alleinerziehende Mutter Klara (mit Kind), Student Peter, Lehrer Rainer und der arbeitslose Ludwig.

Oma Krause, 80 J.
  • Rente: 800 €/Monat
  • Kann nicht allein das Haus verlassen
  • Ersparnisse ~80.000 €
  • Wird bald intensive Betreuung brauchen
Geschäftsfrau Julia, 35 J.
  • Einkommen: 5.000 €/Monat
  • 60 Stunden/Woche, gesund
  • Braucht ein Auto für die Arbeit
Mutter Klara, 30 J.
  • Einkommen: 1.500 €/Monat
  • 35 Stunden/Woche, Kassiererin
  • 3-jährige Tochter (oft krank)
  • Droht Entlassung bei Fehlzeiten
Student Peter, 22 J.
  • Einkommen: ~1.000 € (Bafög, Eltern, Jobs)
  • Liebt Partys, lädt Freunde ein
  • Oft auf Exkursionen, unregelmäßig da
  • Besitzt ein Auto
Lehrer Rainer, 45 J.
  • Einkommen: 2.500 €/Monat
  • 50 Stunden/Woche
  • Braucht großes Arbeitszimmer
  • Arbeitet auch am Wochenende in der WG
Ludwig, arbeitslos, 55 J.
  • Hartz IV: ~400 €/Monat
  • Arbeitsunfall vor 3 Jahren
  • Nur noch leichte Arbeit möglich
  • Auto (Wert ~50.000 €) — will nicht verkaufen
Verteilt Miete, Zimmer und Hausarbeiten
Gesamtübersicht
Kaltmiete: 0 € / 3.000 € Zimmer vergeben: 0 / 6 Aufgaben vergeben: 0 / 7
Verbindung zu Rawls

Dieses Gedankenexperiment verdeutlicht das Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Rawls' Frage: Welche Regeln würdet ihr aufstellen, wenn ihr nicht wüsstet, welche Rolle ihr in dieser WG spielen würdet?

Kernkonzept Rawls · Der Schleier des Nichtwissens

Der Schleier des Nichtwissens

Ein Entscheidungsprinzip, das faire Verteilungsregeln garantieren soll.

Was er verhüllt
  • → Natürliche Eigenschaften: Hautfarbe, Geschlecht, Intelligenz
  • → Psychologische Merkmale: Wünsche, Risikoneigung
  • → Gesellschaftliche Stellung: Klasse, Status, Beruf
  • → Materieller Besitz und Generationenzugehörigkeit
Warum er funktioniert

Da niemand seine zukünftige Position kennt, entscheiden alle unparteiisch. Egoistische Motive werden ausgeschlossen. Die Gerechtigkeitsprinzipien orientieren sich an der schlimmstmöglichen Position — da jeder riskiert, sie einzunehmen.

Interaktiv Rawls · Hinter dem Schleier

Was weißt du — und was nicht?

Im Urzustand verhüllt der Schleier des Nichtwissens alle persönlichen Merkmale. Klicke auf den Schleier, um zu sehen, was du weißt und was verborgen bleibt.

Hautfarbe & ethnische Zugehörigkeit Verborgen
Geschlecht & Sexualität Verborgen
Intelligenz & Talente Verborgen
Reichtum & sozialer Status Verborgen
Religion & Weltanschauung Verborgen
Allgemeine Fakten über die Gesellschaft Bekannt
Wirtschaftliche & politische Grundprinzipien Bekannt
Grundlagen der Gerechtigkeitstheorie Bekannt
Prinzip 1 Rawls · Gleichheits- oder Freiheitsprinzip

Das Gleichheits- oder Freiheitsprinzip

Gerechtigkeit als Fairness — Grundfreiheiten für alle, gleich und unveräußerlich.

Jeder hat ein gleiches Recht auf das größtmögliche Maß an Freiheit, so lange alle anderen die gleiche Freiheit erlangen können. Damit verbunden ist die Gleichheit der Grundrechte und -pflichten.

Grundfreiheiten
  • Meinungs- und Redefreiheit
  • Gewissens- und Religionsfreiheit
  • Recht auf ein faires Verfahren
  • Wahlrecht und politische Teilhabe
Das Prinzip in der Praxis

Jedes Mitglied der Gesellschaft muss gerechterweise gleichen Zugriff auf diese Grundfreiheiten haben. Sie sind nicht verhandelbar — auch nicht gegen wirtschaftliche Vorteile.

Priorität: Freiheit kommt vor wirtschaftlicher Effizienz.
Frage 1 von 8
Lena sagt: „Freiheit heißt, dass ich alles tun darf, was ich will.“ Was würde Rawls ihr antworten?
Frage 2 von 8
Der Staat bietet an: Wer auf sein Wahlrecht verzichtet, bekommt jedes Jahr 2.000 €. Viele würden freiwillig zustimmen. Was sagt Rawls?
Frage 3 von 8
Eine Regierung schränkt die Pressefreiheit ein. Dadurch wächst die Wirtschaft so stark, dass sogar die Ärmsten mehr Geld haben. Ist das nach Rawls gerecht?
Frage 4 von 8
Welches der folgenden Rechte gehört nicht zu den Grundfreiheiten des ersten Prinzips?
Frage 5 von 8
Eine große Religionsgemeinschaft verlangt, dass ihr Glaube Staatsreligion wird und andere Religionen verboten werden. Wie beurteilt Rawls das?
Frage 6 von 8
Warum würde man sich hinter dem Schleier des Nichtwissens für das Freiheitsprinzip entscheiden?
Frage 7 von 8
In welchem Verhältnis stehen die beiden Gerechtigkeitsprinzipien?
Frage 8 von 8
Ein Land führt ein: Nur wer mehr als 50.000 € im Jahr verdient, darf wählen – „weil diese Menschen am meisten Steuern zahlen“. Was sagt Rawls?
0 / 8 beantwortet
Prinzip 2 Rawls · Differenzprinzip

Das Differenzprinzip

Ungleichheiten sind gerecht — aber nur wenn sie den am meisten Benachteiligten nützen.

Da es keine absolute Gleichheit innerhalb der Gesellschaft gibt, sind soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten so zu regeln, dass:

Differenzprinzip

Die Benachteiligten erhalten die bestmöglichen Chancen. Ungleichheiten sind nur dann erlaubt, wenn sie die Lage der Schwächsten verbessern.

Faire Chancengleichheit

Ämter und Positionen werden so eingerichtet, dass die am meisten Benachteiligten den größtmöglichen Vorteil erhalten, sie auch ergreifen zu können.

„Es ist vielleicht zweckmäßig, aber nicht gerecht, dass einige weniger haben, damit es anderen besser geht. Es ist aber nichts [Ungerechtes] an den größeren Vorteilen weniger, falls es dadurch auch den nicht so Begünstigten besser geht."
— John Rawls, A Theory of Justice

Welches Szenario würde Rawls akzeptieren?

Ein neues Gesetz verschafft verschiedenen Gruppen folgende Vor- (+) und Nachteile (−). Wähle für jedes Szenario dein Urteil:

A
Gruppe A (privilegiert): +5 Gruppe B (benachteiligt): +2
B
Gruppe A (privilegiert): +10 Gruppe B (benachteiligt): 0
C
Gruppe A (privilegiert): +8 Gruppe B (benachteiligt): −2
Die Logik dahinter

Nur Szenario A ist gerecht: beide Gruppen profitieren. Sobald die Benachteiligten nicht profitieren — oder gar verlieren — ist die Ungleichheit nicht gerechtfertigt.

Logik aufdecken
Anwendung Rawls · Ungleichheit der Einkommen

Ungleichheit oder Gleichheit der Einkommen?

Wie wendet Rawls sein Differenzprinzip auf das konkrete Problem der Einkommensverteilung an?

Ungleichheit der Einkommen
  • Unternehmer und unqualifizierte Arbeiter verdienen unterschiedlich
  • Anreiz zum Aufstieg und zur Weiterentwicklung
  • Höhere Gesamtproduktion kommt allen zugute
Gleiche Einkommen für alle
  • Anstrengung und Eigeninitiative lohnen sich nicht mehr
  • Das Lebensniveau aller würde sinken
  • Kein Anreiz zur Spezialisierung oder Innovation
Rawls' Schlussfolgerung

Einkommensungleichheit ist gerecht — sofern auch die Schwächsten von ihr profitieren. Ein Arzt verdient mehr als ein Hilfsarbeiter, aber seine Arbeit rettet Leben, die auch den Ärmsten zugutekommen.

Kritik Rawls · Kritik am Utilitarismus

Rawls' Kritik am Utilitarismus

Warum reicht es nicht aus, einfach das größte Glück der größten Zahl zu maximieren?

„Auf den ersten Blick erscheint es kaum als naheliegend, dass Menschen, die sich als Gleiche sehen, sich auf einen Grundsatz einigen sollten, der einigen geringere Lebenschancen auferlegt, nur weil die Summe der Vorteile für die anderen größer ist."
— John Rawls, A Theory of Justice
Das utilitaristische Problem

Laut Utilitarismus ist eine Handlung richtig, wenn sie die Gesamtsumme des Wohls maximiert. Das erlaubt es, wenige zu opfern, damit viele profitieren.

Beispiel: Darf man ein gekapertes Flugzeug abschießen, um mehr Menschenleben zu retten?
Rawls' Antwort

Das Wohl einiger darf nicht auf Kosten anderer vergrößert werden. Hinter dem Schleier des Nichtwissens würde niemand einem System zustimmen, das die Schwächsten opfert.

Rawls schützt Individuen vor dem Diktat der Mehrheit.
Gedankenexperiment · Entscheide selbst
Bereit
Zusammenfassung Rawls · Drei Kernkonzepte

Gerechtigkeit als Fairness — Drei Kernkonzepte

Die Grundpfeiler von Rawls' Theorie der Gerechtigkeit.

01
Schleier des Nichtwissens

Gerechte Prinzipien entstehen, wenn niemand seine zukünftige Stellung kennt. Hinter dem Schleier entscheidet man unparteiisch.

02
Differenzprinzip

Ungleichheiten sind nur dann gerecht, wenn sie die Lage der am meisten Benachteiligten verbessern.

03
Gleichheitsprinzip

Jeder hat das gleiche Recht auf Grundfreiheiten — sie stehen über wirtschaftlichen Überlegungen.

„A just society is a society that if you knew everything about it, you'd be willing to enter it in a random place."

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