Was sind die Grundlagen einer gerechten Gesellschaft? Rawls antwortet mit einem revolutionären Gedankenexperiment: dem Schleier des Nichtwissens.
"A just society is a society that if you knew everything about it, you'd be willing to enter it in a random place."
Rawls bietet mit A Theory of Justice eine grundlegende Antwort auf die Fragen: Was macht eine gerechte Gesellschaft aus? Worin besteht soziale Gerechtigkeit? Sein Werk löste eine Renaissance der Politischen Philosophie aus und verlieh Konzepten wie dem Kontraktualismus und der Entscheidungstheorie nachhaltige Impulse.
Um die Grundprinzipien einer gerechten Gesellschaft zu bestimmen, greift Rawls auf die klassische Idee des Gesellschaftsvertrages zurück — allerdings unter einer entscheidenden Bedingung: dem Schleier des Nichtwissens.
In der Wohngemeinschaft leben sechs Personen: Oma Krause, Geschäftsfrau Julia, alleinerziehende Mutter Klara (mit Kind), Student Peter, Lehrer Rainer und der arbeitslose Ludwig.
Dieses Gedankenexperiment verdeutlicht das Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Rawls' Frage: Welche Regeln würdet ihr aufstellen, wenn ihr nicht wüsstet, welche Rolle ihr in dieser WG spielen würdet?
Da niemand seine zukünftige Position kennt, entscheiden alle unparteiisch. Egoistische Motive werden ausgeschlossen. Die Gerechtigkeitsprinzipien orientieren sich an der schlimmstmöglichen Position — da jeder riskiert, sie einzunehmen.
Jeder hat ein gleiches Recht auf das größtmögliche Maß an Freiheit, so lange alle anderen die gleiche Freiheit erlangen können. Damit verbunden ist die Gleichheit der Grundrechte und -pflichten.
Jedes Mitglied der Gesellschaft muss gerechterweise gleichen Zugriff auf diese Grundfreiheiten haben. Sie sind nicht verhandelbar — auch nicht gegen wirtschaftliche Vorteile.
Da es keine absolute Gleichheit innerhalb der Gesellschaft gibt, sind soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten so zu regeln, dass:
Die Benachteiligten erhalten die bestmöglichen Chancen. Ungleichheiten sind nur dann erlaubt, wenn sie die Lage der Schwächsten verbessern.
Ämter und Positionen werden so eingerichtet, dass die am meisten Benachteiligten den größtmöglichen Vorteil erhalten, sie auch ergreifen zu können.
„Es ist vielleicht zweckmäßig, aber nicht gerecht, dass einige weniger haben, damit es anderen besser geht. Es ist aber nichts [Ungerechtes] an den größeren Vorteilen weniger, falls es dadurch auch den nicht so Begünstigten besser geht."
Ein neues Gesetz verschafft verschiedenen Gruppen folgende Vor- (+) und Nachteile (−). Wähle für jedes Szenario dein Urteil:
Nur Szenario A ist gerecht: beide Gruppen profitieren. Sobald die Benachteiligten nicht profitieren — oder gar verlieren — ist die Ungleichheit nicht gerechtfertigt.
Einkommensungleichheit ist gerecht — sofern auch die Schwächsten von ihr profitieren. Ein Arzt verdient mehr als ein Hilfsarbeiter, aber seine Arbeit rettet Leben, die auch den Ärmsten zugutekommen.
„Auf den ersten Blick erscheint es kaum als naheliegend, dass Menschen, die sich als Gleiche sehen, sich auf einen Grundsatz einigen sollten, der einigen geringere Lebenschancen auferlegt, nur weil die Summe der Vorteile für die anderen größer ist."
Laut Utilitarismus ist eine Handlung richtig, wenn sie die Gesamtsumme des Wohls maximiert. Das erlaubt es, wenige zu opfern, damit viele profitieren.
Das Wohl einiger darf nicht auf Kosten anderer vergrößert werden. Hinter dem Schleier des Nichtwissens würde niemand einem System zustimmen, das die Schwächsten opfert.
Gerechte Prinzipien entstehen, wenn niemand seine zukünftige Stellung kennt. Hinter dem Schleier entscheidet man unparteiisch.
Ungleichheiten sind nur dann gerecht, wenn sie die Lage der am meisten Benachteiligten verbessern.
Jeder hat das gleiche Recht auf Grundfreiheiten — sie stehen über wirtschaftlichen Überlegungen.
„A just society is a society that if you knew everything about it, you'd be willing to enter it in a random place."