Méthodologie Module 1

Die philosophische Erörterung

Wie verfasst man eine überzeugende philosophische Reflexion? Von der Struktur über die Argumentation bis zur Bewertung — alles was man für die Réflexion Philosophique braucht.

Réflexion philosophique Die philosophische Erörterung (RP) 01

Eine gute Erörterung verfassen

Die philosophische Überlegung (réflexion philosophique) folgt einer klaren Struktur — mit Einleitung, Hauptteil und Schlussteil.

📝 Einleitung
✓ Do's
  • Problemstellung und Frage erörtern
  • Relevanz und Aktualitätsbezug zeigen
  • Zitat erklären (falls vorhanden)
  • Mit einem „Hook" beginnen — kurz & originell
  • Eigene Definition der Schlüsselbegriffe geben
✗ Don'ts
  • Märcheneinleitung vermeiden — „Seit es Menschen gibt…", „Seit Jahrhunderten…"
  • Keine Pauschalaussagen — „Verschiedene Menschen haben verschiedene Ansichten zu diesem Thema…"
  • Nicht nur die Angabe wiederholen oder paraphrasieren — eigene Gedanken einbringen
⚙️ Hauptteil
✓ Do's
  • Klare Hauptthese / Obersatz aufstellen
  • Pro- oder Contra — nicht beides durcheinander
  • Philosophische Referenzen korrekt einsetzen
  • Übergang zwischen Argumenten mit Signalwörtern
✗ Don'ts
  • Philosophen plakativ abschreiben
  • Anekdoten sind erlaubt, jedoch nicht banal und müssen nachvollziehbar sein
  • Unbelegte Behauptungen ohne Begründung
  • Den Philosophen widersprechen ohne Begründung
✅ Schlussteil
✓ Do's
  • Nuancieren — Schwächen der eigenen Position anerkennen
  • Fazit als logische Schlussfolgerung formulieren
  • Eigenen Standpunkt klar benennen
  • Appel an den Leser oder Ausblick geben
✗ Don'ts
  • Neue Argumente im Fazit einführen
  • Den Hauptteil einfach wiederholen
  • Mit einem Satz abschließen ohne Reflexion
Wichtige Hinweise

Schreibe für den Leser — Originalität ist entscheidend: Argumente von Philosophen anwenden, statt sie plakativ abzuschreiben. Ungefähr anderthalb Seiten. Kontrastieren: Was könnten Gegenargumente sein? Eigene Definitionen einführen.

Argumentieren Die Struktur des Arguments — Die drei B's 02

Die drei B's

Jedes gute philosophische Argument besteht aus drei Elementen: Behauptung, Begründung, Beispiel.

B — Behauptung

Kurz, möglichst in einem Satz: eine These oder Aussage aufstellen.

„Philosophieren bedeutet Staunen."
B — Begründung

Allgemein erklären, warum man die Behauptung vertritt — verbunden mit Konjunktionen wie weil, da, zumal, denn.

„Es liegt in der menschlichen Natur, neugierig zu sein."
B — Beispiel

Einen konkreten Beleg für die Relevanz der Behauptung formulieren — veranschaulichen.

„An Kindern erkennt man bereits die Veranlagung, sich durch alles überraschen zu lassen."
Tipp: Der erste Satz

Um nicht zu viel Zeit beim Verfassen der Einleitung zu verbringen, bietet es sich an, mit einem „Grabber" oder „Hook" anzufangen — ein Zitat, eine Anekdote, ein überraschender Fakt oder eine originelle Aussage. Der Einleitungssatz sollte kurz und simpel sein.

Argumentieren Das Toulmin-Schema 03

Das Toulmin-Schema

Ein erweitertes Modell zur Analyse und zum Aufbau komplexer Argumente.

1 — Argument (These)

Die zentrale Behauptung — was man verteidigen möchte.

„Die Todesstrafe schützt nicht vor Tötungsdelikten."
2 — Beweis / Beleg

Empirische, faktische oder logische Stützung der These.

„Tötungsdelikte werden oft im emotionalen Affekt begangen."
3 — Beispiel / Stützung

Konkreter Beleg, der den Beweis untermauert.

„Die Todesstrafe wurde 1976 in Kanada abgeschafft — seitdem gibt es weniger Morde."
4 — Schlussfolgerung

Das logische Fazit, das aus Argument + Beweis + Beispiel folgt.

„Die Todesstrafe ist unnütz und sollte abgeschafft werden."
5 — Folgen (wenn nicht)

Was passiert, wenn die Schlussfolgerung nicht angenommen wird? Die Konsequenzen des Gegenteils aufzeigen.

„Könnte die Anwendung der Todesstrafe dazu führen, dass weitere Unschuldige getötet werden."
Übung · Toulmin Toulmin — Ist der Mensch ignorant? 04

Toulmin-Schema — Anwendung

Frage: Ist der Mensch von Natur aus ein ignorantes Wesen? — Ziehe die Aussagen in die richtigen Felder.

Das Lernen widerstrebt dem Menschen, da er ein bequemes Wesen ist.
Der Mensch ist ignorant, weil das Lernen ihm schwerfällt.
Platons Höhlengleichnis verdeutlicht, dass der Mensch die gewohnte Schattenwelt der Wahrheit bevorzugt.
Würde der Mensch das Wissen der Bequemlichkeit bevorzugen und freiwillig lernen.
Unangenehme Wahrheiten werden verdrängt, z.B. Global Warming, Billigprodukte aus Kinderarbeit…
Frage: Ist der Mensch von Natur aus ein ignorantes Wesen?
Argument
Hier einsetzen…
deshalb,
wegen
Beweis / Beleg
Hier einsetzen…
aufgrund von
Beispiel / Stützung
Hier einsetzen…
Schlussfolgerung
Hier einsetzen…
wenn nicht
Folgen
Hier einsetzen…
Logik Der praktische Syllogismus 05

Der praktische Syllogismus

Die klassische Schlussform der Logik: Von zwei Prämissen zu einer zwingenden Schlussfolgerung.

I — Obersatz (1. Prämisse)

Allgemeine Handlungsregel — gilt für alle Fälle dieser Art.

„Wissenswertes ist zu erstreben."
II — Untersatz (2. Prämisse)

Empirischer Sachverhalt — der konkrete Fall, der unter die Regel fällt.

„Philosophie ist wissenswert."
III — Schlussfolgerung

Konkrete Handlungsanweisung — folgt logisch zwingend aus I + II.

„Philosophie ist zu erstreben."
Argumentation Die vier Argumentationstypen 06

Vier Typen philosophischer Argumentation

Es gibt mindestens vier verschiedene Wege, ein philosophisches Argument aufzubauen.

🧠

Anekdotisches Argument

Beschreibung eines Erlebten, einer Erfahrung oder eines konkreten Gedankens.

→ Argumentieren ausgehend von der konkreten Erscheinung der Dinge.
🔄

Hermeneutisches Argument

Einbettung in einen größeren Zusammenhang durch historische Referenzen oder bereits bestehendes Wissen.

→ Argumentieren durch Erweiterung und Rückgriff auf vorhandenes Wissen.
🧩

Analytisches Argument

Vertiefung, Zerlegung und Prüfung eines Begriffs, seiner Teile oder einer Definition.

→ Argumentieren durch genaue Betrachtung und Untersuchung im Detail.

Dialektisches Argument

Man präsentiert ein Gegenargument (Antithese) und zeigt, warum es nicht überzeugend ist — daraus ergibt sich die eigene These als stärkere, begründete Position.

→ Argumentieren durch Widerlegung der Antithese, um die eigene These zu stärken.
Übung · Argumentationstypen Baruch Spinoza — La superstition (4 extraits) 07

Baruch Spinoza — La superstition

Lies jeden Abschnitt und bestimme, welcher Argumentationstyp verwendet wird. Klicke auf deine Antwort.

Extrait n°1

Les hommes sont superstitieux car ils ignorent l'avenir.

« Si les hommes étaient capables de gouverner toute la conduite de leur vie par un dessein réglé, si la fortune leur était toujours favorable, leur âme serait libre de toute superstition. Mais comme ils sont souvent placés dans un si fâcheux état qu'ils ne peuvent prendre aucune résolution raisonnable, comme ils flottent presque toujours misérablement entre l'espérance et la crainte, pour des biens incertains qu'ils ne savent pas désirer avec mesure, leur esprit s'ouvre alors à la plus extrême crédulité. […] De l'explication que je viens de donner de la cause de la superstition, il résulte que tous les hommes y sont naturellement sujets. »

Vocabulaire : le dessein : le plan // fâcheux : embêtant // être sujet à : être déterminé par
Extrait n°2

L'homme perd la raison lorsqu'il est confronté à des difficultés.

« Personne, je le répète, n'a pu voir les hommes sans remarquer que lorsqu'ils sont dans la prospérité, presque tous se targuent, si ignorants qu'ils puissent être, d'une telle sagesse qu'ils tiendraient à injure de recevoir un conseil. Le jour de l'adversité vient-il les surprendre, ils ne savent plus quel parti choisir : on les voit mendier du premier venu un conseil, et si inepte, si absurde, si frivole qu'on l'imagine, ils le suivent aveuglément. Mais bientôt, sur la moindre apparence, ils recommencent à espérer un meilleur avenir ou à craindre les plus grands malheurs. […] [Et] sont-ils témoins de quelque phénomène extraordinaire et qui les frappe d'admiration, à leurs yeux c'est un prodige qui annonce le courroux des dieux, de l'Être suprême. »

Vocabulaire : se targuer : se vanter // tenir à injure : être vexé // l'adversité : le malheur // inepte : insensé // un prodige : un miracle // le courroux : la colère
Extrait n°3

Depuis toujours, l'homme devient superstitieux quand la peur le prend.

« La véritable cause de la superstition, ce qui la conserve et l'entretient, c'est donc la crainte. Que si l'on n'est pas satisfait des preuves que j'en ai données, et qu'on veuille des exemples particuliers, je citerai Alexandre [le Grand], qui ne devint superstitieux et n'appela auprès de lui des devins que lorsqu'il avait des craintes sur sa fortune aux portes de Suse1. […] Alors, dit Quinte-Curce2 (liv. VII, chap. 7), il se replongea dans les superstitions, ces vains jouets de l'esprit des hommes ; et plein d'une foi crédule pour Aristandre3, il lui donna l'ordre de faire des sacrifices pour y découvrir quel serait le succès de ses affaires." Je pourrais citer une infinité d'autres exemples qui prouvent de la façon la plus claire que la superstition n'entre dans le cœur des hommes qu'avec la crainte […]. »

Vocabulaire : 1. Suse : ancienne ville en Iran // 2. Historien romain // 3. Un des voyants préférés d'Alexandre
Extrait n°4

La superstition est une passion humaine, et en tant que telle soumise à un changement permanent qui donne naissance aux plus grands malheurs.

« De l'explication que je viens de donner de la cause de la superstition, il résulte que tous les hommes y sont naturellement sujets […]. Il en résulte aussi qu'elle doit être extrêmement variable et inconstante, comme toutes les caprices de l'âme humaine et tous ses mouvements impétueux, enfin qu'il n'y a que l'espérance, la haine, la colère et la fraude qui la puissent faire subsister, puisqu'elle ne vient pas de la raison, mais des passions et des passions les plus fortes. Ainsi donc, autant il est facile aux hommes de se laisser prendre à toutes sortes de superstitions, autant il leur est difficile de persister dans une seule ; ajoutez que le vulgaire, étant toujours également misérable, ne peut jamais rester en repos ; il court toujours aux choses nouvelles et qui ne l'ont point encore trompé ; c'est cette inconstance qui a été cause de tant de tumultes et de guerres. »

Vocabulaire : être sujet à : être déterminé par // le caprice : la marotte, l'humeur // impétueux : énergique // le vulgaire : l'irrationnel
Sprachliche Mittel Signalwörter — Mots-clés 08

Signalwörter

Die richtigen Verbindungswörter zeigen die logische Struktur eines Arguments — auf Deutsch und Französisch.

Deutsch
Aufzählungen
zunächstzuersteinerseitsandererseitsebenfallserstens
Kontraste
aberallerdingsim Gegenteilobwohltrotz
Konsequenzen
alsodarumdeswegendas impliziertdas führt zu
Schlussfolgerungen
daraus folgthieraus kann man schließenletztlich
Vergleiche
genauso wieanalog zuähnlich wieebenso wie
Français
Énumérations
premièrementd'une partd'autre parttout d'abordégalement
Contrastes
maiscependantau contrairebien quetoutefois
Conséquences
c'est pourquoiimpliquerentraînerà cause de
Conclusions
il s'ensuit quedoncfinalementen fin de compte
Comparaisons
ainsi queanalogue àde même quesimilaire à
Sprechakte — Synonyme für „sagen"
schreibenbehauptenfolgernbegründenvoraussetzenerläuterneinwendenwidersprechenkritisierendefinierenanalysierenwarnenaufzählen
Bewertung Die fünf Bewertungskriterien 09

Bewertungskriterien

Eine philosophische Überlegung wird nach fünf Kompetenzen bewertet.

01
Problématiser — Relevanz zum Thema

Ist ein klarer Bezug zum Thema hergestellt? Pertinence thématique.

02
Juger — Philosophisches Verständnis

Werden philosophische Referenzen, Begriffe und Theorien korrekt eingesetzt? Compréhension philosophique.

03
Juger — Argumentationskraft

Sind die Argumente gut begründet, überzeugend und in einem sinnvollen Zusammenhang? Pouvoir argumentatif.

04
Conceptualiser — Kohärenz

Ist die Arbeit übersichtlich, angenehm zu lesen und sorgfältig arrangiert? Structure claire.

05
Penser — Originalität & Einfallsreichtum

Hat mein Schreiben Charakter, Färbung und Persönlichkeit? Originalité — Tentative d'originalité.

Übung · Bewertung Tommys erste Erörterung — Fehler finden 10

Tommys erste Erörterung

Wertet die von Tommy verfasste réflexion philosophique aus — wo liegen die Fehler? Begründet eure Kritik anhand der Bewertungskriterien.

„Die Lüge ist der eigentliche Fleck der menschlichen Natur."

— Kant, Immanuel. Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie, 1796.

Diskutiert das obige Zitat. Begründet euer Schreiben mithilfe von im Kurs behandelten, philosophischen Positionen.

„Die Lüge ist der eigentliche Fleck der menschlichen Natur."

— Kant, Immanuel. Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie, 1796.

Schon als Kind bekommt man von der Mutter oft den Satz „lüge nicht!" zu hören. Ich sehe das anders, denn die Lüge ist manchmal in verschiedenen Formen wichtig, wenn es darum geht, verschiedenen Menschen auf verschiedene Arten zu helfen. Kants Meinung ist falsch.

Letzte Woche zum Beispiel hatte ich in der Mittagspause kein Guthaben mehr auf meiner Schülerkarte. Ich belügte also Dimitri, der mir eine Pizza spendierte. Meinen Heißhunger bin ich nun los, und Dimitri ist froh, mir einen Gefallen getan zu haben. Ende gut alles gut.

Fairerweise muss man sagen, dass Kant wohl in einer Zeit lebte, in der Lügen weniger akzeptiert war, sodass er zu dieser Meinung gekommen ist. Heute ist die Lüge Alltagsprogramm, wie bei Social Media: Jeder gibt an mit einem Leben, das extrem übertrieben ist und nicht der Realität entspricht, wenn sie mich fragen.

Inzwischen ist bewiesen, dass Lügen Teil der menschlichen Natur ist. Experten haben herausgefunden, dass jeder mindestens 200 Mal am Tage lügt. Philosophisch gesehen schlummert das Lügen also tief in unserer Seele.

Andererseits wäre ein Gegenargument, dass das Lügen schlecht ist weil es einem in verschiedenen Situationen nicht erlaubt, in seinem Leben weiterzuziehen, wie wenn man z.B. fremdgeht und es konstant verheimlicht.

Ich fasse also zusammen. Erstens ist das Lügen oft nützlich und gerechtfertigt. Zweitens ist das Zitat veraltet und betrifft nicht die gegenwärtige Lage des Menschen. Drittens kann Lügen jedoch zu mehr Leid führen, da die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Ein gutes Argument, das meinen beiden ersten Argumenten jedoch nicht die Stirn bieten kann. Denn wie es bereits bei Capital Bra heißt: „Die Wahrheit ist kein Hit."

Schwerwiegender Fehler
Verbesserungswürdig
Anmerkung
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Beispiel · Musterlösung Sterbehilfe — Dr. Jack Kevorkian 11

Musterlösung: Eine gute Erörterung

Eine gut strukturierte réflexion philosophique zum Thema Sterbehilfe — mit Einleitung, Hauptteil und Schluss. Klicke auf markierte Stellen, um Erläuterungen zu sehen.

⚕️
Aufgabenstellung

Dr. Jack Kevorkian (1928–2011) war ein amerikanischer Arzt, der unter dem Spitznamen „Dr. Death" bekannt wurde. Er half zwischen 1990 und 1998 schätzungsweise 130 todkranken Patienten beim Sterben — mithilfe einer selbst entwickelten Apparatur, der sog. „Todesmaschine".

Bewerten Sie Kevorkians Sterbehilfe aus ethischer Sicht!

Strukturelement erklärt
Fachbegriff / Theorie
Gutes Beispiel / Technik
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Ist die Sterbehilfe von Dr. Jack Kevorkian ethisch vertretbar?

Einleitung

Die moderne Medizin kann heute das Leben vieler Menschen verlängern. Doch gerade dadurch stellt sich auch die schwierige Frage, ob ein Mensch das Recht haben sollte, selbst über seinen Tod zu entscheiden. Besonders bei todkranken Patienten entsteht ein Konflikt zwischen dem Schutz des Lebens und dem Wunsch, unerträgliches Leiden zu beenden.

Der amerikanische Arzt Dr. Jack Kevorkian unterstützte die Autonomie vieler todkranker Menschen, indem er ihnen mit seiner „Todesmaschine" die Möglichkeit bot, sich selbst das Leben zu nehmen.

Sollte die Autonomie des Menschen so weit gehen, oder ist das menschliche Leben als unantastbar anzusehen?

Hauptteil

T A

Aus der Sicht der Mitleidsethik handelt Kevorkian aus Mitleid mit den Leidenden. Viele Patienten litten nicht nur körperlich, sondern auch psychisch unter ihrer Situation. In solchen Fällen erscheint es manchen Menschen grausam, jemanden gegen seinen Willen am Leben zu erhalten. Diese Grausamkeit entsteht entweder aus Bosheit, da der Todkranke sinnlos seine Leiden verlängern muss, oder aus Egoismus, da die Mitmenschen den Leidenden nicht loslassen wollen.

B

Todkranken Haustieren euthanasieren wir auch, statt sie sinnlos leiden zu lassen. Warum sollte dieses Prinzip beim Menschen anders sein? Kevorkian verstand seine Hilfe deshalb als Akt der Barmherzigkeit.

T A

Auch aus utilitaristischer oder konsequentialistischer Sicht würde man stärker auf die Folgen der Handlung achten. Wenn durch die Sterbehilfe großes Leid vermindert wird und der Patient freiwillig zustimmt, könnte Kevorkians Handeln als moralisch vertretbar angesehen werden. Entscheidend wären dann nicht allgemeine Regeln, sondern das tatsächliche Wohlbefinden der Betroffenen.

B

Man mag meinen, dass der Tod eines geliebten Menschen mehr Unglück erzeugt, als Glück. Doch ist die Erlösung eines todkranken Menschen ohne Aussicht auf Besserung nicht eher eine Erleichterung für die Mitmenschen?

Schluss

Der Fall von Dr. Jack Kevorkian zeigt, wie schwierig ethische Entscheidungen am Lebensende sind. Einerseits erscheint der Wunsch schwerkranker Menschen nach einem selbstbestimmten und schmerzfreien Tod verständlich. Andererseits bleibt die Gefahr bestehen, dass durch assistierten Suizid moralische Grenzen verschwimmen und der Schutz des Lebens geschwächt wird. Dies wäre ganz klar ein Verstoß gegen die deontologische Pflicht des Arztes, keinem Patienten Leid zuzufügen.

Deshalb gibt es keine einfache Antwort auf die Frage der Sterbehilfe. Doch angesichts der wachsenden Möglichkeiten der modernen Medizin, den menschlichen Körper am Leben zu halten, bleibt die Diskussion nach der eigentlichen Lebensqualität unausweichlich.

Prüfungsvorbereitung Mögliche Beispielthemen 12

Beispielthemen nach Bereich

Typische Fragen für die philosophische Erörterung — geordnet nach Modulen.

⚖️ Éthique
  • → Ist der Mensch von Natur aus böse?
  • → Was bestimmt eine tugendhafte Person oder Handlung?
  • → Was treibt das menschliche Handeln an?
  • → Hat das Allgemeinwohl Vorrang vor dem Individuum?
🏛️ Philosophie Politique
  • → Kann der Mensch ohne Staat auskommen?
  • → Wann dürfen staatliche Gesetze gebrochen werden?
  • → Gelten Menschenrechte universell?
  • → Was ist wichtiger: Freiheit oder Sicherheit?
🔬 Épistémologie
  • → Was ist der Unterschied zwischen Wissen und Meinung?
  • → Gibt es sichere Erkenntnis / absolute Wahrheit?
  • → Wo liegen die Grenzen der menschlichen Erfahrung?