Wie analysiert man philosophische Texte? Die wichtigsten Werkzeuge auf einen Blick.
Legt sechs Leitfragen fest (siehe unten) und gebt jeder Frage eine eigene Farbe. Die Zuordnung bleibt über den ganzen Text gleich.
Lest den Text Abschnitt für Abschnitt. Markiert die Schlüsselstelle, die eine Frage beantwortet, in der Farbe dieser Frage. Meist genügt ein Halbsatz, kein ganzer Absatz.
Welche Farbe fehlt? Welche überwiegt? Fehlende Farben zeigen, was der Text nicht leistet. Viele Beispiele ohne Begründung sind ein Warnsignal.
Formuliert pro Farbe einen Satz. Daraus entsteht eine Zusammenfassung des Textes in der Reihenfolge Problem, These, Begriffe, Gründe, Beispiele, Folgerung.
Die sechs Leitfragen
AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.
Dass der bei weitem größte Teil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einige mal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.
Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Missbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit.
Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende, sogar unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden. […]
Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: Räsonniert nicht! Der Offizier sagt: Räsonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: Räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: Räsonniert nicht, sondern glaubt! Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich? — Ich antworte: Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein…
— Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, 1784
Anlass für Singers Aufsatz war die Hungerkrise in Ostbengalen im Jahr 1971. Er stellt die Frage, ob wir Menschen in reichen Ländern moralisch verpflichtet sind, Menschen in Not zu helfen, die wir nie sehen werden. Normalerweise gilt es als großzügig, wenn jemand spendet, und als völlig in Ordnung, wenn jemand es nicht tut. Singers Antwort lautet: Ja, wir sind verpflichtet, und zwar viel weitergehender, als die meisten annehmen.
Er geht von einer Annahme aus, die kaum jemand bestreiten wird: Hunger, Krankheit und fehlende Unterkunft sind schlecht. Darauf baut er ein Prinzip auf. Wenn wir etwas sehr Schlimmes verhindern können, ohne dafür etwas von vergleichbarer moralischer Bedeutung zu opfern, dann sollen wir es tun.
Ein Beispiel soll das Prinzip einleuchtend machen. Ich gehe an einem flachen Teich vorbei und sehe ein Kind, das zu ertrinken droht. Ich könnte hineinwaten und es herausziehen, nur meine Kleider würden schmutzig. Niemand würde sagen, ich dürfe das Kind ertrinken lassen, weil ich meine Kleider schonen will. Ein Menschenleben wiegt mehr als ein Paar Schuhe.
Nun lässt sich einwenden, das Kind im Teich sei nah, die Hungernden dagegen weit weg. Singer hält das nicht für einen moralischen Unterschied. Ob ein Mensch zehn Meter oder zehntausend Kilometer entfernt leidet, ändert nichts an seinem Leiden. Auch dass viele andere ebenfalls helfen könnten, entlastet mich nicht, denn wer wie ich helfen kann, bleibt in der Pflicht.
Daraus zieht Singer eine radikale Folgerung. Wer Geld für Überflüssiges ausgibt, obwohl er damit Leben retten könnte, handelt moralisch falsch. Spenden ist deshalb keine freundliche Zusatzleistung, sondern eine Pflicht. Wir sollen so lange geben, bis wir selbst etwas von vergleichbarer Bedeutung opfern müssten.
Dagegen wird eingewandt, diese Forderung sei viel zu hoch und im Alltag nicht zu leben. Singer gibt zu, dass sie unseren üblichen Vorstellungen widerspricht. Er antwortet jedoch: Dass eine Forderung unbequem ist, zeigt nicht, dass sie falsch ist. Dann müssten wir eher unsere Lebensweise ändern als das Prinzip.
Eigene Zusammenfassung nach Peter Singer: „Famine, Affluence, and Morality“, Philosophy & Public Affairs, 1972. Paraphrase, keine wörtliche Wiedergabe.
Mills Frage in diesem Kapitel lautet, ob eine Regierung oder die Gesellschaft das Recht hat, Meinungen zu unterdrücken, selbst wenn die Mehrheit dahintersteht. Seine Antwort ist eindeutig: Eine Meinung zum Schweigen zu bringen ist ein Unrecht, und zwar nicht nur gegenüber dem, der sie vertritt, sondern gegenüber der ganzen Menschheit, auch gegenüber künftigen Generationen.
Der erste Grund: Die unterdrückte Meinung könnte wahr sein. Wer sie verbietet, behauptet damit, selbst nicht irren zu können. Mill nennt das Anmaßung von Unfehlbarkeit. Die Geschichte zeigt, wie oft sich Menschen geirrt haben, gerade bei Dingen, die sie für völlig gesichert hielten. So wurden Sokrates hingerichtet und Jesus verurteilt, beide von Zeitgenossen, die sich ihrer Sache sicher waren.
Mill trennt dabei zwei Dinge. Wir dürfen nach unserer Überzeugung handeln, denn sonst könnte niemand etwas tun. Aber wir dürfen anderen nicht verbieten, uns zu widersprechen. Gerade weil jeder unsere Meinung bestreiten und widerlegen darf, haben wir das Recht, sie als wahr zu behandeln.
Der zweite Grund: Auch eine falsche Meinung enthält oft ein Stück Wahrheit. Die herrschende Meinung ist selten die ganze Wahrheit, erst der Widerspruch ergänzt sie. Der dritte Grund: Selbst wenn die herrschende Meinung ganz wahr ist, wird sie ohne Widerspruch zum bloßen Vorurteil. Wer nur die eigene Seite kennt, kennt auch von dieser wenig. Der vierte Grund: Eine Lehre, die nie angefochten wird, verliert ihren lebendigen Sinn und wird zu einem toten Dogma, das man nur noch nachspricht.
Als Beispiel verweist Mill auf die katholische Kirche, die vor einer Heiligsprechung einen „Anwalt des Teufels“ anhören lässt. Selbst die Kirche hält es also für nötig, den stärksten Einwand zu hören, bevor sie eine Überzeugung annimmt.
Man könnte einwenden, schädliche Meinungen müsse man verbieten, und der Nutzen einer Lehre rechtfertige ihren Schutz. Mill antwortet: Ob eine Meinung nützlich ist, ist selbst eine Meinung, über die man streiten kann. Auch der Satz, die Wahrheit setze sich am Ende immer gegen Verfolgung durch, sei ein angenehmer Irrtum, denn die Geschichte kennt genug Wahrheiten, die über Jahrhunderte erstickt wurden.
Daraus folgt: Jede Meinung muss frei vertreten werden dürfen, auch wenn sie uns falsch oder anstößig erscheint. Nur wo Widerspruch möglich ist, bleibt die Wahrheit lebendig und überprüfbar.
Eigene Zusammenfassung nach John Stuart Mill: „On Liberty“, 1859, Kapitel 2 („Of the Liberty of Thought and Discussion“). Paraphrase, keine wörtliche Wiedergabe.
Was will der Autor zeigen? Diese Aussage ist die Konklusion. Oft steht sie am Ende oder wird mit Wörtern wie „also“ oder „daher“ eingeleitet.
Welche Gründe werden genannt? Das sind die Prämissen. Beispiele, Rhetorik und Hintergrund gehören nicht dazu.
Jede Prämisse in einem vollständigen Satz, untereinander, dann ein Strich und darunter die Konklusion.
Fehlt ein Schritt, damit die Konklusion wirklich folgt? Eine unausgesprochene Annahme schreibt man ausdrücklich dazu.
Folgt die Konklusion aus den Prämissen? Und sind die Prämissen wahr? Suche die schwächste Prämisse.
Aus „weder gut noch schlecht“ folgt noch nicht „unvernünftig zu fürchten“. Welche Annahme fehlt dazwischen?
Das Argument ist jetzt vollständig. Welche Prämisse würdest du als Erste bestreiten?
Streiche alles, was nur Beispiel, Ausschmückung oder Wiederholung ist. Behalte höchstens drei Sätze, ohne die der Text nicht mehr funktioniert.
Welcher eine Satz enthält die Hauptidee? Frage dich: Wenn ich nur diesen Satz behalte, was bleibt vom Text?
Welches Wort trägt den Gedanken? Das Schlüsselwort taugt als Stichwort für die Mindmap oder für die Überschrift.
Schreibe den Kerngedanken neu auf, in höchstens 15 Wörtern. Wer das kann, hat den Text verstanden.
Welcher dieser Sätze enthält die Hauptidee des ganzen Textes?
Welches Wort trägt den Gedanken? Klicke es an.
Formuliere den Kerngedanken neu, in höchstens 15 Wörtern. Das gewählte Schlüsselwort darf vorkommen.
Das Problem, Thema oder die Frage des Textes benennen — worum geht es? Was will der Text untersuchen?
Den Lösungsvorschlag, die Position oder die Antwort des Textes erfassen — wie beantwortet der Autor die Frage?
Die Argumentation des Textes darlegen: Von welchen Voraussetzungen geht der Text aus? Welche Gründe werden genannt? Welche Schlussfolgerungen werden daraus gezogen?
Können die Gründe überzeugen? Stimmen die Definitionen? Taugen die Begriffe? Wird Wichtiges außer Acht gelassen?
Vermag der Text Sinn zu stiften? Passt die Perspektive in die heutige bzw. deine Welt? Erweitert der Text deinen Horizont?
1Warum fangen Menschen überhaupt an zu philosophieren? 2Aristoteles antwortet: aus Staunen. 3Menschen wundern sich zuerst über das, was ihnen nahe liegt und nicht erklärt ist. 4Danach fragen sie nach größeren Dingen, etwa nach dem Lauf der Gestirne und nach dem Ursprung der Welt. 5Wer sich wundert, merkt, dass er etwas nicht weiß, und will diese Unwissenheit beenden.
6Aristoteles fügt hinzu, dass dieses Wissen keinen praktischen Nutzen verfolgt. 7Man philosophiert nicht, um etwas herzustellen oder Geld zu verdienen, sondern um des Wissens willen. 8Das mache die Philosophie zu einer freien Wissenschaft. 9Sie sei die einzige, die allein um ihrer selbst willen betrieben werde, so wie ein freier Mensch für sich selbst lebt und nicht für einen anderen.
10Karl Jaspers hält diese Antwort für richtig, aber für zu eng. 11Er nennt drei Ursprünge der Philosophie. 12Der erste ist das Staunen, das zur Erkenntnis drängt. 13Der zweite ist der Zweifel: Wer erkennt, dass vieles nur scheint und nicht sicher ist, beginnt zu prüfen, was wirklich gilt. 14Der dritte ist die Erfahrung von Grenzsituationen. 15Das sind Lagen wie Tod, Leiden, Schuld oder Kampf, die wir nicht ändern und denen wir nicht ausweichen können.
16Jaspers verbindet jeden Ursprung mit einem Ziel: dem Staunen das Wissen, dem Zweifel die Gewissheit, der Grenzsituation die Selbstvergewisserung. 17In der Grenzsituation will der Mensch nicht nur etwas wissen, sondern sich seiner selbst vergewissern. 18Deshalb sei in der Philosophie die Frage wichtiger als die Antwort, und jede Antwort werde wieder zu einer neuen Frage.
Nicht jeder Satz gehört in ein Feld: Viele Sätze erklären, ergänzen oder leiten über. Meist genügen ein bis drei Sätze pro Feld.
Welche dieser Fragen prüfen, ob die Argumente des Textes tragen? Wähle alle passenden aus.
Was hat der Text mit dir zu tun? Überlege dir eine Antwort oder besprich die Fragen mit deiner Nachbarin oder deinem Nachbarn.
Die Philosophie ist nach meiner Auffassung ein Mittelding zwischen Theologie und Wissenschaft. Gleich der Theologie besteht sie aus Spekulation über Dinge, von denen sich bisher noch keine genaue Kenntnis gewinnen ließ; wie die Wissenschaft jedoch beruft sie sich weniger auf eine Autorität, etwa die der Tradition oder die der Offenbarung, als auf die menschliche Vernunft und Argumentation.
Jede sichere Kenntnis, möcht ich sagen, gehört in das Gebiet der Wissenschaft; jedes Dogma in Fragen, die über die sichere Erkenntnis hinausgehen, in das der Theologie. Zwischen der Theologie und der Wissenschaft liegt jedoch ein Niemandsland, das Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt ist; dieses Niemandsland ist die Philosophie.
— Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes (1950), Europa Verlag, Zürich 2009.
Was steht im Text? Den Literalsinn erfassen — Begriffe klären, Sätze paraphrasieren, ohne zu interpretieren.
Was meint der Autor wirklich? Verborgene Voraussetzungen, implizite Wertungen und den Subtext freilegen.
In welchem historischen, politischen und philosophischen Umfeld schrieb der Autor? Welche Debatten beantwortet der Text?
Das Ganze verstehen wir nur durch seine Teile — und die Teile nur durch das Ganze. Gute Textinterpretation bewegt sich zirkulär: vom Gesamteindruck zu den Details, und von den Details zurück zum Gesamtverständnis.
Welche Begriffe tragen die Hauptlast des Arguments? Diese unterstreichen und definieren — stimmt die Definition des Autors mit dem üblichen Gebrauch überein?
Was setzt der Autor als selbstverständlich voraus, ohne es zu begründen? Diese impliziten Prämissen sind oft der verwundbarste Teil eines Arguments.
Nutzt der Autor Metaphern, Analogien, Beispiele oder emotionale Sprache? Rhetorische Mittel können Argumente verstärken — oder verdecken, dass kein echtes Argument vorliegt.
Den Argumentationsgang in eigenen Worten zusammenfassen: Welche Prämissen führen zu welcher Konklusion? Ist der Schluss zwingend — oder nur wahrscheinlich?
Erst nach gründlicher Lektüre: Überzeugt das Argument? Welche Einwände lassen sich formulieren? Gibt es Gegenbeispiele, die die These erschüttern?
Die PLATO-Methode strukturiert die Gesamtanalyse eines Textes (Was ist das Problem? Was ist die Lösung?). Close Reading geht tiefer in die sprachliche und logische Mikrostruktur — es fragt nicht nur was gesagt wird, sondern wie und mit welchen Mitteln.