Wie analysiert man philosophische Texte? Wie baut man ein Argument auf? Wie verfasst man eine philosophische Erörterung? — Die wichtigsten Werkzeuge auf einen Blick.
Das Problem, Thema oder die Frage des Textes benennen — worum geht es? Was will der Text untersuchen?
Den Lösungsvorschlag, die Position oder die Antwort des Textes erfassen — wie beantwortet der Autor die Frage?
Die Argumentation des Textes darlegen: Von welchen Voraussetzungen geht der Text aus? Welche Gründe werden genannt? Welche Schlussfolgerungen werden daraus gezogen?
Können die Gründe überzeugen? Stimmen die Definitionen? Taugen die Begriffe? Wird Wichtiges außer Acht gelassen?
Vermag der Text Sinn zu stiften? Passt die Perspektive in die heutige bzw. deine Welt? Erweitert der Text deinen Horizont?
AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.
Dass der bei weitem größte Teil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einige mal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.
Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Missbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit.
Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende, sogar unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden. […]
Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: Räsonniert nicht! Der Offizier sagt: Räsonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: Räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: Räsonniert nicht, sondern glaubt! Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich? — Ich antworte: Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein…
— Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, 1784
„AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."
« La philosophie est, à mon avis, un intermédiaire entre la théologie et la science. »
Die Philosophie ist nach meiner Auffassung ein Mittelding zwischen Theologie und Wissenschaft. Gleich der Theologie besteht sie aus Spekulation über Dinge, von denen sich bisher noch keine genaue Kenntnis gewinnen ließ; wie die Wissenschaft jedoch beruft sie sich weniger auf eine Autorität, etwa die der Tradition oder die der Offenbarung, als auf die menschliche Vernunft und Argumentation.
Jede sichere Kenntnis, möcht ich sagen, gehört in das Gebiet der Wissenschaft; jedes Dogma in Fragen, die über die sichere Erkenntnis hinausgehen, in das der Theologie. Zwischen der Theologie und der Wissenschaft liegt jedoch ein Niemandsland, das Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt ist; dieses Niemandsland ist die Philosophie.
— Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes (1950), Europa Verlag, Zürich 2009.
Was steht im Text? Den Literalsinn erfassen — Begriffe klären, Sätze paraphrasieren, ohne zu interpretieren.
Was meint der Autor wirklich? Verborgene Voraussetzungen, implizite Wertungen und den Subtext freilegen.
In welchem historischen, politischen und philosophischen Umfeld schrieb der Autor? Welche Debatten beantwortet der Text?
Das Ganze verstehen wir nur durch seine Teile — und die Teile nur durch das Ganze. Gute Textinterpretation bewegt sich zirkulär: vom Gesamteindruck zu den Details, und von den Details zurück zum Gesamtverständnis.
Welche Begriffe tragen die Hauptlast des Arguments? Diese unterstreichen und definieren — stimmt die Definition des Autors mit dem üblichen Gebrauch überein?
Was setzt der Autor als selbstverständlich voraus, ohne es zu begründen? Diese impliziten Prämissen sind oft der verwundbarste Teil eines Arguments.
Nutzt der Autor Metaphern, Analogien, Beispiele oder emotionale Sprache? Rhetorische Mittel können Argumente verstärken — oder verdecken, dass kein echtes Argument vorliegt.
Den Argumentationsgang in eigenen Worten zusammenfassen: Welche Prämissen führen zu welcher Konklusion? Ist der Schluss zwingend — oder nur wahrscheinlich?
Erst nach gründlicher Lektüre: Überzeugt das Argument? Welche Einwände lassen sich formulieren? Gibt es Gegenbeispiele, die die These erschüttern?
Die PLATO-Methode strukturiert die Gesamtanalyse eines Textes (Was ist das Problem? Was ist die Lösung?). Close Reading geht tiefer in die sprachliche und logische Mikrostruktur — es fragt nicht nur was gesagt wird, sondern wie und mit welchen Mitteln.