Méthodologie Module 1

Méthoden der Texterschließung

Wie analysiert man philosophische Texte? Wie baut man ein Argument auf? Wie verfasst man eine philosophische Erörterung? — Die wichtigsten Werkzeuge auf einen Blick.

Textanalyse Die PLATO-Methode

Die PLATO-Methode

Ein fünfstufiges Verfahren zur systematischen Erschließung philosophischer Texte.

P
Problem · Thema · Frage

Das Problem, Thema oder die Frage des Textes benennen — worum geht es? Was will der Text untersuchen?

L
Lösungsvorschlag · Position · Antwort

Den Lösungsvorschlag, die Position oder die Antwort des Textes erfassen — wie beantwortet der Autor die Frage?

A
Argumentation

Die Argumentation des Textes darlegen: Von welchen Voraussetzungen geht der Text aus? Welche Gründe werden genannt? Welche Schlussfolgerungen werden daraus gezogen?

T
Tragfähigkeit der Argumente prüfen

Können die Gründe überzeugen? Stimmen die Definitionen? Taugen die Begriffe? Wird Wichtiges außer Acht gelassen?

O
Orientierung finden

Vermag der Text Sinn zu stiften? Passt die Perspektive in die heutige bzw. deine Welt? Erweitert der Text deinen Horizont?

PLATO · Anwendung Immanuel Kant — Was ist Aufklärung? (1784)

PLATO — Immanuel Kant: Was ist Aufklärung?

Ein Anwendungsbeispiel der PLATO-Methode auf Kants berühmten Zeitungsartikel von 1784.

AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.

Dass der bei weitem größte Teil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einige mal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Missbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit.

Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende, sogar unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden. […]

Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: Räsonniert nicht! Der Offizier sagt: Räsonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: Räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: Räsonniert nicht, sondern glaubt! Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich? — Ich antworte: Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein…

— Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, 1784

„AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."
— Immanuel Kant, Berlinische Monatsschrift, 1784
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Visualisierung Die Concept-Map

Concept-Map

Concept-Maps dienen zur Darstellung von Wissen — durch Begriffe, Pfeile und Pfeilbeschriftungen.

🧩 Elemente
  • Rechtecke — repräsentieren Begriffe
  • Pfeile — symbolisieren Beziehungen zwischen Begriffen
  • Pfeilbeschriftungen — spezifizieren die Art der Beziehung
🔗 Beziehungstypen
Statisch
besteht aus · d.h. · z.B. · entspricht · ist · ähnelt · ein Teil von
Dynamisch
führt zu · verändert · bewirkt · beeinflusst · erhöht · verringert
« La philosophie est, à mon avis, un intermédiaire entre la théologie et la science. »
— Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes (1950)
Concept-Map · Übung Bertrand Russell — Was ist Philosophie?

Concept-Map — Ziehe die Begriffe in die richtigen Felder

Lies zuerst den Text, dann vervollständige die Concept-Map. Ziehe jeden Begriff in das passende leere Feld.

Die Philosophie ist nach meiner Auffassung ein Mittelding zwischen Theologie und Wissenschaft. Gleich der Theologie besteht sie aus Spekulation über Dinge, von denen sich bisher noch keine genaue Kenntnis gewinnen ließ; wie die Wissenschaft jedoch beruft sie sich weniger auf eine Autorität, etwa die der Tradition oder die der Offenbarung, als auf die menschliche Vernunft und Argumentation.

Jede sichere Kenntnis, möcht ich sagen, gehört in das Gebiet der Wissenschaft; jedes Dogma in Fragen, die über die sichere Erkenntnis hinausgehen, in das der Theologie. Zwischen der Theologie und der Wissenschaft liegt jedoch ein Niemandsland, das Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt ist; dieses Niemandsland ist die Philosophie.

— Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes (1950), Europa Verlag, Zürich 2009.

Philosophie
Theologie
Wissenschaft
Autorität, Tradition & Offenbarung
Menschliche Vernunft
Dogmen, die über die menschliche Erkenntnis hinausgehen
Sichere Kenntnis, beschränkt auf die Welt des Erfahrbaren
Begriff einsetzen
Begriff einsetzen
Beeinflusst ↓
Beeinflusst ↓
Begriff einsetzen
Spekulation
Niemandsland
Begriff einsetzen
Argumentation
Begriff einsetzen
Führt zu ↓
Führt zu ↓
Begriff einsetzen
Begriff einsetzen
Textanalyse Die Herméneutique

Herméneutique — Die Kunst der Textinterpretation

Philosophische Texte haben oft mehrere Bedeutungsebenen. Die Herméneutique lehrt, zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten zu unterscheiden.

📖 Wörtliche Bedeutung

Was steht im Text? Den Literalsinn erfassen — Begriffe klären, Sätze paraphrasieren, ohne zu interpretieren.

„Was sagt der Text genau?"
🔍 Tiefere Bedeutung

Was meint der Autor wirklich? Verborgene Voraussetzungen, implizite Wertungen und den Subtext freilegen.

„Was steht zwischen den Zeilen?"
🏛️ Historischer Kontext

In welchem historischen, politischen und philosophischen Umfeld schrieb der Autor? Welche Debatten beantwortet der Text?

„Warum schrieb er das, damals?"
Der herméneutische Zirkel

Das Ganze verstehen wir nur durch seine Teile — und die Teile nur durch das Ganze. Gute Textinterpretation bewegt sich zirkulär: vom Gesamteindruck zu den Details, und von den Details zurück zum Gesamtverständnis.

Übung · Herméneutique Welche Ebene ist das? — Zuordnungsübung

Welche Bedeutungsebene ist das?

Lies jede Aussage über Kants Text „Was ist Aufklärung?" und ordne sie der richtigen Ebene der Herméneutique zu — klicke auf die Aussage, um zu wechseln.

📖 Wörtliche Bedeutung
🔍 Tiefere Bedeutung
🏛️ Historischer Kontext
? „Kant definiert Unmündigkeit als das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen."
? „Kants Metapher des ‚Gängelwagens' zeigt, dass er Vormünder als Feinde der menschlichen Würde betrachtet."
? „Kant schrieb diesen Text 1784 als Reaktion auf eine öffentliche Debatte im absolutistischen Preußen unter Friedrich dem Großen."
? „Wenn Kant sagt ‚es ist so bequem, unmündig zu sein', impliziert er, dass die Unmündigkeit nicht erzwungen, sondern freiwillig gewählt wird."
? „Kant nennt Faulheit und Feigheit als die Hauptursachen der Unmündigkeit."
? „Kants Forderung nach öffentlichem Vernunftgebrauch war eine direkte Herausforderung an kirchliche und staatliche Autoritäten seiner Zeit."
Textanalyse Close Reading — Genaues Lesen

Close Reading — Genaues Lesen

Ein philosophischer Text wird nicht gelesen, sondern befragt — Satz für Satz, Begriff für Begriff.

1
Schlüsselbegriffe identifizieren

Welche Begriffe tragen die Hauptlast des Arguments? Diese unterstreichen und definieren — stimmt die Definition des Autors mit dem üblichen Gebrauch überein?

2
Voraussetzungen freilegen

Was setzt der Autor als selbstverständlich voraus, ohne es zu begründen? Diese impliziten Prämissen sind oft der verwundbarste Teil eines Arguments.

3
Rhetorische Mittel erkennen

Nutzt der Autor Metaphern, Analogien, Beispiele oder emotionale Sprache? Rhetorische Mittel können Argumente verstärken — oder verdecken, dass kein echtes Argument vorliegt.

4
Logische Struktur rekonstruieren

Den Argumentationsgang in eigenen Worten zusammenfassen: Welche Prämissen führen zu welcher Konklusion? Ist der Schluss zwingend — oder nur wahrscheinlich?

5
Position beziehen

Erst nach gründlicher Lektüre: Überzeugt das Argument? Welche Einwände lassen sich formulieren? Gibt es Gegenbeispiele, die die These erschüttern?

Unterschied zur PLATO-Methode

Die PLATO-Methode strukturiert die Gesamtanalyse eines Textes (Was ist das Problem? Was ist die Lösung?). Close Reading geht tiefer in die sprachliche und logische Mikrostruktur — es fragt nicht nur was gesagt wird, sondern wie und mit welchen Mitteln.

Übung · Close Reading Schritt für Schritt — Hobbes: Leviathan (1651)

Close Reading — Schritt für Schritt

Wende die fünf Schritte des Close Reading auf diesen Textausschnitt von Hobbes an. Klicke auf jeden Schritt, um die Musterlösung einzublenden.

„Die Natur hat die Menschen in den körperlichen und geistigen Fähigkeiten so gleich gemacht, dass, obwohl manchmal ein Mensch körperlich stärker oder geistig flinker als ein anderer ist, doch wenn man alles zusammennimmt, der Unterschied zwischen Mensch und Mensch nicht so bedeutend ist, dass ein Mensch daraufhin einen Vorteil beanspruchen könnte, den ein anderer nicht ebensogut beanspruchen könnte. [...] Aus dieser Gleichheit der Fähigkeiten entsteht die Gleichheit der Hoffnung, unsere Ziele zu erreichen. Und daher: wenn zwei Menschen dasselbe wünschen, was sie aber nicht beide genießen können, werden sie Feinde."
— Thomas Hobbes, Leviathan, Kap. 13 (1651)
1
Schlüsselbegriffe identifizieren
Welche Begriffe tragen die Hauptlast des Arguments?

Schlüsselbegriffe: Gleichheit der Fähigkeiten, Gleichheit der Hoffnung, Feinde. — Hobbes verwendet „Gleichheit" nicht im moralischen Sinne (als Wert), sondern im empirischen Sinne (als Tatsache). Dies ist entscheidend: Gleichheit ist bei Hobbes kein Ideal, sondern die Ursache des Konflikts.

2
Voraussetzungen freilegen
Was setzt Hobbes als selbstverständlich voraus?

Hobbes setzt voraus, dass Menschen grundsätzlich dieselben Ziele verfolgen (Selbsterhaltung, Macht) und dass knappe Ressourcen eine Konkurrenz erzwingen. Außerdem: Menschen sind rationale Nutzenmaximierer — eine Voraussetzung, die er nicht begründet, sondern als anthropologische Tatsache behandelt.

3
Rhetorische Mittel erkennen
Wie argumentiert Hobbes sprachlich?

Hobbes nutzt eine logische Kettenstruktur: Gleichheit → gleiche Hoffnung → Konkurrenz → Feindschaft. Die Sprache ist bewusst nüchtern und sachlich — kein moralisches Urteil, nur Kausalität. Das Wort „Feinde" am Ende wirkt durch diese Nüchternheit umso schockierender.

4
Logische Struktur rekonstruieren
Welche Prämissen führen zu welcher Konklusion?

Prämisse 1: Menschen sind in Fähigkeiten im Wesentlichen gleich.

Prämisse 2: Gleiche Fähigkeiten erzeugen gleiche Hoffnungen auf dieselben Güter.

Prämisse 3: Wenn zwei dasselbe wollen, was nur einer haben kann, entsteht Konflikt.

Konklusion: Menschen werden im Naturzustand zwangsläufig zu Feinden. → Der Krieg aller gegen alle ist nicht ein Zufall, sondern eine logische Notwendigkeit.

5
Position beziehen
Überzeugt das Argument? Gibt es Einwände?

Einwand 1 (Locke): Menschen verfolgen nicht zwangsläufig dieselben Güter. Kooperation ist rational, wenn sie allen nützt — Feindschaft ist nicht die einzig logische Konsequenz der Gleichheit.

Einwand 2 (empirisch): Die Anthropologie zeigt, dass Menschen auch in staatenlosen Gesellschaften kooperieren und Normen entwickeln — Hobbes' Bild ist einseitig.

Stärke des Arguments: Hobbes' Logik ist intern konsistent und erklärt überzeugend, warum selbst vernünftige Menschen in einen Zustand gegenseitigen Misstrauens geraten können.