Sisyphos wälzt seinen Stein den Berg hinauf — und wenn er oben ist, rollt er wieder hinab. Für immer. Ist das Arbeit? Und unterscheidet sich das wirklich von Ihrem Alltag? Leitfrage: Ist der Mensch ein Arbeitstier? Hannah Arendt unterscheidet drei menschliche Grundtätigkeiten: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Wie eine Gesellschaft diese drei gewichtet, entscheidet darüber, wie frei ihre Mitglieder wirklich sind.
Meist sprechen wir von Arbeit, wenn wir Geld verdienen, Aufgaben erledigen oder uns anstrengen müssen. Doch zählen auch Haus- oder Gartenarbeit dazu? Arbeitet unser Körper nicht ständig, ohne dass wir dies als Arbeit bezeichnen? Und es gibt Tätigkeiten, die für das Funktionieren der Gesellschaft notwendig sind, aber nicht bezahlt werden.
Halten Sie Ihre Überlegungen stichwortartig fest, bevor Sie mit Hannah Arendts Antwort auf diese Frage weiterarbeiten.
1933 floh sie vor dem Nationalsozialismus über Frankreich in die USA, wo sie später als Professorin und Publizistin wirkte. Sie beschäftigte sich mit den Bedingungen menschlichen Lebens — insbesondere den Tätigkeiten des Arbeitens, Herstellens und Handelns — und reflektierte, wie Arbeit das menschliche Dasein prägt.
Ihr Hauptwerk zur menschlichen Tätigkeit — hier entfaltet sie die Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln.
Bekannt wurde sie auch durch ihre Analyse des NS-Verbrechers Adolf Eichmann — und das Konzept, das die Bedeutung eigenständigen Denkens und moralischer Verantwortung hervorhebt.
Perikles (ca. 495–429 v. Chr.) — Arendts eigenes Vorbild für die vita activa: der Staatsmann, der durch öffentliches Handeln und Reden die Polis mitgestaltete, statt sich wie der Philosoph in die vita contemplativa zurückzuziehen. Im Hintergrund: der homo faber am Werk — die Steinmetze und Bauleute, die den Parthenon errichten.
Arendt wertet die vita activa nicht einfach auf — sie warnt vor beiden Extremen. Erst das Gleichgewicht zwischen Denken und Handeln macht ein volles menschliches Leben aus.
Nur das Handeln ist wirklich frei — Arbeiten und Herstellen unterwerfen den Menschen jeweils der Notwendigkeit oder einem fremden Zweck.
| Tätigkeit | Zweck | Menschlicher Typus | Zeitlichkeit | Beispiel |
|---|---|---|---|---|
| Arbeiten | … | … | … | … |
| Herstellen | … | … | … | … |
| Handeln | … | … | … | … |
Sisyphos leidet nicht an der Anstrengung — sondern daran, dass sein Stein nie oben bleibt. Genau diese Vergänglichkeit macht seine Tätigkeit für Arendt zum reinen „Arbeiten": zyklisch, ohne bleibendes Werk, ohne Handeln in Gemeinschaft.
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Wie sah im alten Griechenland die Gesellschaft aus? Wer verrichtete die Arbeit auf den Feldern, damit Sokrates, Aristoteles und Platon sich der Philosophie widmen konnten?
Welche Persönlichkeiten der Renaissance sind Ihnen außer Da Vinci, Michelangelo, Dante und Shakespeare ein Begriff? Was haben diese Personen gemeinsam? Welchen Stellenwert hatte dagegen die körperliche Arbeit?
Wie veränderte die Industrialisierung die Gesellschaft? Aus welchen Gründen zogen die Menschen vom Land in die Stadt, und wie sah das Leben der modernen Fabrikarbeiter aus? Wie sieht es heute mit der Wahlbeteiligung und mit freiwilligem, ehrenamtlichem Engagement aus?
Leider scheint es im Wesen der Bedingungen zu liegen, unter denen den Menschen das Leben gegeben ist, daß der einzige Vorteil, den man aus der Fruchtbarkeit der menschlichen Arbeitskraft ziehen kann, darin besteht, daß sie jeweils die Lebensnotwendigkeiten für mehr als nur einen Menschen oder eine Familie bestreiten kann. Die Arbeitsprodukte, die Erzeugnisse des Stoffwechsels des Menschen mit der Natur, sind nicht dauerhaft genug, um Teil der Welt zu werden, und die Arbeitstätigkeit, die ausschließlich damit beschäftigt ist, das Leben zu erhalten, achtet der Welt nicht. Das von den Körperbedürfnissen getriebene Animal laborans ist nicht Herr seines Körpers, wie Homo faber Herr seiner Hände ist, dieses Urwerkzeugs des Menschen, und aus diesem Grund meinte Plato, daß Sklaven und Arbeiter nicht nur der Notwendigkeit untertan und daher unfähig der Freiheit seien, sondern daß sie von dem animalischen Teil der „Seele" beherrscht würden.
Eine arbeitende Massengesellschaft, wie Marx sie im Sinne hatte, wenn er von der „vergesellschafteten Menschheit" sprach, besteht aus Gattungswesen, aus weltlosen Exemplaren des Menschengeschlechts, gleichviel ob sie als Haushaltssklaven in diese Lage durch die Gewalt anderer versetzt wurden oder ob sie als „freie" Arbeiter ihre Funktionen freiwillig erfüllen. Selbstverständlich ist die Weltlosigkeit des Animal laborans ganz anderer Natur als die aktive Weltflucht, die Flucht aus der Öffentlichkeit der Welt, die, wie wir sahen, das Kennzeichen der tätigen Güte ist.
Das Animal laborans flieht nicht die Welt, sondern ist aus ihr ausgestoßen in die unzugängliche Privatheit des eigenen Körpers, wo es sich gefangen sieht von Bedürfnissen und Begierden, an denen niemand teilhat und die sich niemandem voll mitteilen können. Daß Sklaverei und Verbannung in den Haushalt im großen Ganzen die gesellschaftliche Lage der arbeitenden Klassen bis zur Neuzeit bestimmte, ist in erster Linie der Condition humaine selbst geschuldet: das Leben, das für alle anderen Tiergattungen identisch mit ihrem Sein überhaupt ist, fällt für den Menschen, wegen des ihm innewohnenden „Widerwillens gegen Vergeblichkeit" und Vergänglichkeit, so wenig mit seiner Existenz zusammen, daß es ihm sogar als eine Last erscheinen kann, die ihn gerade am Menschsein hindert.
Und diese Last ist um so schwerer zu tragen, als nichts von dem, was das sogenannte „Höhere" ausmacht, es je an unmittelbarer Dringlichkeit mit den elementaren Lebensbedürfnissen aufnehmen kann, unter deren Zwang alles „Niedere" besorgt sein muß, bevor das „Höhere" auch nur in Erscheinung treten kann. Die gesellschaftliche Lage des arbeitenden Teils der Menschheit war Knechtschaft und Sklaverei, weil dies die natürliche Lage und Bedingtheit des Lebens selbst ist.
Omnis vita servitium est – „alles Leben ist Knechtschaft".
Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben. Hrsg. von Thomas Meyer © der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 1967.
Problem: Welches Spannungsverhältnis beschreibt Arendt zwischen der Erhaltung des nackten Lebens (Körperbedürfnisse) und der Teilhabe an einer dauerhaften „Welt"?
Formulieren Sie das Problem in einfacher Sprache, um damit Ihr Textverständnis zu belegen. Tipp: Achten Sie auf Begriffe wie „Stoffwechsel" und die Formulierung „der Welt nicht achten".
Lösung: Welche Antwort gibt Arendt auf das Problem? Wie erläutert sie dieses Spannungsverhältnis?
Fassen Sie Arendts Hauptaussage über die „gesellschaftliche Lage" der arbeitenden Klasse in zwei Sätzen zusammen. Achten Sie auf das Zitat „omnis vita servitium est" sowie die Begriffe „Weltlosigkeit" und „Privatheit des Körpers".
Argument: Mit welchen Argumenten stützt Arendt ihre Lösung?
Rekonstruieren Sie den logischen Weg, den Arendt geht.
Tragfähigkeit: Wie tragfähig ist Arendts Argumentation? Ist die Gleichsetzung von Arbeit und Knechtschaft („natürliche Lage") heute noch haltbar? Finden Sie ein Gegenargument oder eine Schwachstelle in ihrer Argumentationskette.
Orientierung: Welche eigene Position beziehen Sie? Überzeugt die radikale Trennung zwischen „höheren" Tätigkeiten und „niederer" Arbeit? Ist die Bezeichnung „weltlose Exemplare" für moderne Arbeitnehmer gerechtfertigt oder abwertend?
Wenn Arbeit laut Arendt „Privatheit" und „Weltlosigkeit" bedeutet — was bedeutet das für eine Gesellschaft, die sich fast ausschließlich über Erwerbsarbeit definiert? Beziehen Sie moderne Begriffe wie „Work-Life-Balance" oder „Automatisierung der Arbeit" mit ein.
Die Arbeit des animal laborans dient nur der Erhaltung des Lebens: sie ist „von Körperbedürfnissen getrieben", vergänglich, repetitiv und „weltlos", weil sie keine dauerhaften Spuren hinterlässt. Wer jeden Tag das Gleiche tut — schlafen, essen, arbeiten, einkaufen, kochen, putzen — tut das, was er muss, um zu überleben. Diese Arbeit ist wichtig, aber sie macht weder glücklich noch frei. Sie hört nie auf, und am Ende bleibt nichts übrig.
Der animal laborans zieht sich nicht bewusst aus der Welt zurück — er ist gefangen in den Bedürfnissen des eigenen Körpers. Wer den ganzen Tag nur mit den eigenen Bedürfnissen beschäftigt ist, hat keine Zeit und Energie, um mit anderen zusammen etwas Neues zu gestalten. Wer nur arbeitet, lebt „weltlos": er ist nicht mit anderen verbunden und hinterlässt keine Spuren in der Welt.
Tätigkeiten, die allein auf das Sichern des Überlebens zielen, werden als „Last" empfunden, die uns „am Menschsein hindert" — als Knechtschaft, die zu einer Grundbedingung des Lebens wird.
Omnis vita servitium est. — Das ganze Leben ist Knechtschaft.
Eigentlich ist jeder Mensch gewissermaßen ein Sklave — nicht weil jemand ihn zwingt, sondern weil das Leben selbst uns zwingt, ständig zu arbeiten. Selbst wer „frei" ist, muss diese Dinge tun, sonst überlebt er nicht. Das Leben ist wie ein unsichtbarer Chef, der uns sagt, was wir tun müssen.
Was ist der Preis des Lebens? Die Notwendigkeit, das Leben zu erhalten, steht oft im Konflikt mit dem Streben nach Freiheit und Sinn.
Was macht den Menschen frei? Nicht die Arbeit, sondern das Handeln in der Öffentlichkeit, das Schaffen von Dauerhaftem und das Teilhaben an einer gemeinsamen Welt.
„Wenn alle Menschen zusammen arbeiten und die Arbeit fair aufteilen, dann gibt es keine Ausbeutung mehr — und alle sind frei."
„Wenn alle nur noch zusammen arbeiten, aber niemand mehr zusammen handelt und diskutiert, sind die Menschen vielleicht satt und haben ein Dach über dem Kopf — aber sie sind nicht wirklich frei. Sie werden zu einer riesigen, gut organisierten Ameisenkolonie."
Marx sah Arbeit als etwas Gutes: Wer arbeitet, schafft Reichtum und ist nützlich. Arendt warnt: Wenn Arbeit das Wichtigste wird, verbringen Menschen ihr ganzes Leben damit, nur zu „funktionieren" — wie Maschinen. Sie haben keine Zeit mehr für Sinn, Politik oder Kunst. Das nennt sie „weltlos": Die Menschen leben nebeneinander her, aber nicht wirklich miteinander.
Nicht nur, dass man genug zu essen hat, sondern dass man gemeinsam über das Leben entscheiden kann, miteinander diskutiert und eigene Ideen einbringt — auch wenn das anstrengend ist.
Im Gegensatz zur repetitiven Arbeit und zum zielgerichteten Herstellen ist Handeln unvorhersehbar — es bringt das Unerwartete hervor, z. B. eine Petition oder eine Revolution. Das ist spannend, aber auch riskant.
Handeln findet nur zwischen Menschen statt, nicht im Privaten. Es geht um Gespräche, Streit, Zusammenarbeit, Überzeugung — und erfordert Mut: sich zu zeigen, seine Meinung zu sagen, Verantwortung zu übernehmen.
Weil Handeln nicht kontrollierbar ist, fürchten moderne Gesellschaften es. Sie bevorzugen Herstellen (Technokratie) oder Arbeiten (Konsumsteigerung) — Handeln wird verdrängt.
Eine Demonstration ist Handeln — sie schafft einen öffentlichen Raum, in dem Freiheit sichtbar wird. Ein Fabrikarbeiter, der nur schraubt (Arbeiten), oder ein Ingenieur, der Maschinen entwirft (Herstellen), handeln in diesem Sinne nicht politisch.
Arendt stellt fest: Die moderne Gesellschaft erhebt Arbeit zum einzigen Wert (Streben nach Geld, Konsumgesellschaft), und Herstellen wird zur dominierenden Logik (Bürokratie, Technikgläubigkeit). Eine Gesellschaft, die nur noch arbeitet und herstellt, verliert ihre Menschlichkeit.
Der animal laborans sichert das Überleben — notwendig, aber repetitiv, vergänglich und „weltlos". Er ist der Notwendigkeit unterworfen, nicht frei.
Der homo faber schafft eine dauerhafte „Dingwelt" — kreativ, aber instrumentell: Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck.
Der zoon politikon schafft Neues in Gemeinschaft mit anderen — unvorhersehbar, riskant, aber die einzig wirklich freie Tätigkeit.
Omnis vita servitium est. — Das ganze Leben ist Knechtschaft.
Arendt verurteilt weder Arbeiten noch Herstellen — beide sind notwendig. Ihre Warnung gilt der Überbetonung: Eine Gesellschaft, die den Menschen nur noch als Arbeitstier oder Produzenten begreift und das Handeln verdrängt, verliert ihre Fähigkeit zur Freiheit.