Philosophia
Wirtschaftsphilosophie Vita activa

Arbeiten, Herstellen, Handeln

Sisyphos wälzt seinen Stein den Berg hinauf — und wenn er oben ist, rollt er wieder hinab. Für immer. Ist das Arbeit? Und unterscheidet sich das wirklich von Ihrem Alltag? Leitfrage: Ist der Mensch ein Arbeitstier? Hannah Arendt unterscheidet drei menschliche Grundtätigkeiten: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Wie eine Gesellschaft diese drei gewichtet, entscheidet darüber, wie frei ihre Mitglieder wirklich sind.

Einstieg Arendt · a) Was ist eigentlich „Arbeit"?

Was ist eigentlich „Arbeit"?

Im Alltag verwenden wir den Begriff ganz selbstverständlich — doch eine genaue Definition ist schwieriger, als sie scheint.

Meist sprechen wir von Arbeit, wenn wir Geld verdienen, Aufgaben erledigen oder uns anstrengen müssen. Doch zählen auch Haus- oder Gartenarbeit dazu? Arbeitet unser Körper nicht ständig, ohne dass wir dies als Arbeit bezeichnen? Und es gibt Tätigkeiten, die für das Funktionieren der Gesellschaft notwendig sind, aber nicht bezahlt werden.

Diskutieren Sie im Plenum
  • Geld verdienen, Aufgaben erledigen, sich anstrengen
  • Haus- und Gartenarbeit — zählt das auch?
  • Der Körper „arbeitet" ständig (Verdauung, Atmung …)
  • Unbezahlte, aber notwendige Tätigkeiten: Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Hausarbeit, ehrenamtliches Engagement

Halten Sie Ihre Überlegungen stichwortartig fest, bevor Sie mit Hannah Arendts Antwort auf diese Frage weiterarbeiten.

Biographie Hannah Arendt · Kontext
Hannah Arendt Porträt

Hannah Arendt (1906–1975)

Deutsch-jüdische Philosophin und politische Theoretikerin

1933 floh sie vor dem Nationalsozialismus über Frankreich in die USA, wo sie später als Professorin und Publizistin wirkte. Sie beschäftigte sich mit den Bedingungen menschlichen Lebens — insbesondere den Tätigkeiten des Arbeitens, Herstellens und Handelns — und reflektierte, wie Arbeit das menschliche Dasein prägt.

Vita activa oder Vom tätigen Leben (1958)

Ihr Hauptwerk zur menschlichen Tätigkeit — hier entfaltet sie die Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln.

„Banalität des Bösen"

Bekannt wurde sie auch durch ihre Analyse des NS-Verbrechers Adolf Eichmann — und das Konzept, das die Bedeutung eigenständigen Denkens und moralischer Verantwortung hervorhebt.

Illustration Perikles beaufsichtigt den Bau der Akropolis

Perikles (ca. 495–429 v. Chr.) — Arendts eigenes Vorbild für die vita activa: der Staatsmann, der durch öffentliches Handeln und Reden die Polis mitgestaltete, statt sich wie der Philosoph in die vita contemplativa zurückzuziehen. Im Hintergrund: der homo faber am Werk — die Steinmetze und Bauleute, die den Parthenon errichten.

Vidéo Périclès — Rede über das Handeln
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Grundunterscheidung Arendt · b) Vita activa vs. vita contemplativa

Vita activa vs. vita contemplativa

In Vita activa oder Vom tätigen Leben (1958) setzt Arendt die antike vita contemplativa der vita activa entgegen — und zeigt, wie moderne Gesellschaften das Verständnis des Menschseins verschoben haben.

Vita contemplativa
  • Ziel: Wahrheit, Ewigkeit (Philosophie)
  • Menschliches Ideal: der Denker (z. B. Sokrates)
  • Wirksphäre: privater Raum, Einsamkeit
  • Gefahr: Weltflucht — Theorie ohne Praxis
Vita activa
  • Ziel: Freiheit, Pluralität (Politik)
  • Menschliches Ideal: der Handelnde (z. B. Perikles)
  • Wirksphäre: öffentlicher Raum, Gemeinschaft
  • Gefahr: Verlust des Denkens — Praxis ohne Reflexion
Zu beachten

Arendt wertet die vita activa nicht einfach auf — sie warnt vor beiden Extremen. Erst das Gleichgewicht zwischen Denken und Handeln macht ein volles menschliches Leben aus.

Kernmodell Arendt · c) Die drei Grundtätigkeiten

Arbeiten, Herstellen, Handeln

Arendt unterscheidet drei Formen der Vita activa, die jeweils eine andere Beziehung zur Welt, zur Zeit und zur menschlichen Existenz offenbaren.

Arbeiten

animal laborans

Zum Aufklappen klicken ▾

Herstellen

homo faber

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Handeln

zoon politikon

Zum Aufklappen klicken ▾

Kernthese — zum Aufdecken klicken

Nur das Handeln ist wirklich frei — Arbeiten und Herstellen unterwerfen den Menschen jeweils der Notwendigkeit oder einem fremden Zweck.

Übung Arendt · Tabelle ordnen

Ordnen Sie die Tabelle

Tätigkeit und Überschriften sind vorgegeben. Die restlichen Angaben sind durcheinandergeraten — klicken Sie zuerst eine Karte, dann das passende Feld.

Tätigkeit Zweck Menschlicher Typus Zeitlichkeit Beispiel
Arbeiten … … … …
Herstellen … … … …
Handeln … … … …
Quiz Arendt · Arbeiten, Herstellen oder Handeln?

Testen Sie Ihr Verständnis

Ordnen Sie jedes Beispiel der passenden Kategorie zu — bis auf Sisyphos sind das alles echte Grenzfälle, an denen sich auch Arendt-Kenner die Köpfe stoßen.

Arbeiten, Herstellen oder Handeln? — Klicken Sie Ihre Antwort
Zurück zu Sisyphos

Sisyphos leidet nicht an der Anstrengung — sondern daran, dass sein Stein nie oben bleibt. Genau diese Vergänglichkeit macht seine Tätigkeit für Arendt zum reinen „Arbeiten": zyklisch, ohne bleibendes Werk, ohne Handeln in Gemeinschaft.

Übung Arendt · Antike, Renaissance, Moderne

Der Stellenwert der Tätigkeiten im Wandel der Epochen

Ordnen Sie den drei Epochen die jeweiligen menschlichen Tätigkeiten nach Hannah Arendt zu. Beziehen Sie die Leitfragen mit ein.

Klicken Sie auf ein Segment, um durch Handeln, Herstellen und Arbeiten zu blättern. Prüfen Sie Ihre Zuordnung anschließend mit dem Button.

Antike
Renaissance
Moderne
Antike

Wie sah im alten Griechenland die Gesellschaft aus? Wer verrichtete die Arbeit auf den Feldern, damit Sokrates, Aristoteles und Platon sich der Philosophie widmen konnten?

Renaissance

Welche Persönlichkeiten der Renaissance sind Ihnen außer Da Vinci, Michelangelo, Dante und Shakespeare ein Begriff? Was haben diese Personen gemeinsam? Welchen Stellenwert hatte dagegen die körperliche Arbeit?

Moderne

Wie veränderte die Industrialisierung die Gesellschaft? Aus welchen Gründen zogen die Menschen vom Land in die Stadt, und wie sah das Leben der modernen Fabrikarbeiter aus? Wie sieht es heute mit der Wahlbeteiligung und mit freiwilligem, ehrenamtlichem Engagement aus?

Stellungnahme ▾ zum Aufklappen klicken

Nehmen Sie Stellung zu Arendts Kritik, dass moderne Gesellschaften den Menschen vor allem als animal laborans (Arbeitstier) oder homo faber (herstellenden Menschen) begreifen — und dabei die dritte Tätigkeit, das Handeln, vernachlässigen.

Weiterdenken ▾ zum Aufklappen klicken
Primärtext Arendt · Vita activa oder vom tätigen Leben, §16

§16 Das Werkzeug und die Arbeitsteilung

Lesen Sie den Originaltext aufmerksam — er ist die Grundlage für die anschließende PLATO-Analyse.

Leider scheint es im Wesen der Bedingungen zu liegen, unter denen den Menschen das Leben gegeben ist, daß der einzige Vorteil, den man aus der Fruchtbarkeit der menschlichen Arbeitskraft ziehen kann, darin besteht, daß sie jeweils die Lebensnotwendigkeiten für mehr als nur einen Menschen oder eine Familie bestreiten kann. Die Arbeitsprodukte, die Erzeugnisse des Stoffwechsels des Menschen mit der Natur, sind nicht dauerhaft genug, um Teil der Welt zu werden, und die Arbeitstätigkeit, die ausschließlich damit beschäftigt ist, das Leben zu erhalten, achtet der Welt nicht. Das von den Körperbedürfnissen getriebene Animal laborans ist nicht Herr seines Körpers, wie Homo faber Herr seiner Hände ist, dieses Urwerkzeugs des Menschen, und aus diesem Grund meinte Plato, daß Sklaven und Arbeiter nicht nur der Notwendigkeit untertan und daher unfähig der Freiheit seien, sondern daß sie von dem animalischen Teil der „Seele" beherrscht würden.

Eine arbeitende Massengesellschaft, wie Marx sie im Sinne hatte, wenn er von der „vergesellschafteten Menschheit" sprach, besteht aus Gattungswesen, aus weltlosen Exemplaren des Menschengeschlechts, gleichviel ob sie als Haushaltssklaven in diese Lage durch die Gewalt anderer versetzt wurden oder ob sie als „freie" Arbeiter ihre Funktionen freiwillig erfüllen. Selbstverständlich ist die Weltlosigkeit des Animal laborans ganz anderer Natur als die aktive Weltflucht, die Flucht aus der Öffentlichkeit der Welt, die, wie wir sahen, das Kennzeichen der tätigen Güte ist.

Das Animal laborans flieht nicht die Welt, sondern ist aus ihr ausgestoßen in die unzugängliche Privatheit des eigenen Körpers, wo es sich gefangen sieht von Bedürfnissen und Begierden, an denen niemand teilhat und die sich niemandem voll mitteilen können. Daß Sklaverei und Verbannung in den Haushalt im großen Ganzen die gesellschaftliche Lage der arbeitenden Klassen bis zur Neuzeit bestimmte, ist in erster Linie der Condition humaine selbst geschuldet: das Leben, das für alle anderen Tiergattungen identisch mit ihrem Sein überhaupt ist, fällt für den Menschen, wegen des ihm innewohnenden „Widerwillens gegen Vergeblichkeit" und Vergänglichkeit, so wenig mit seiner Existenz zusammen, daß es ihm sogar als eine Last erscheinen kann, die ihn gerade am Menschsein hindert.

Und diese Last ist um so schwerer zu tragen, als nichts von dem, was das sogenannte „Höhere" ausmacht, es je an unmittelbarer Dringlichkeit mit den elementaren Lebensbedürfnissen aufnehmen kann, unter deren Zwang alles „Niedere" besorgt sein muß, bevor das „Höhere" auch nur in Erscheinung treten kann. Die gesellschaftliche Lage des arbeitenden Teils der Menschheit war Knechtschaft und Sklaverei, weil dies die natürliche Lage und Bedingtheit des Lebens selbst ist.

Omnis vita servitium est – „alles Leben ist Knechtschaft".

Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben. Hrsg. von Thomas Meyer © der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 1967.

Textauszug Arendt · d) Vita activa oder vom tätigen Leben — PLATO-Methode

Textanalyse mit der PLATO-Methode

Erschließen Sie Arendts Thesen zum animal laborans und zur menschlichen Bedingtheit der Arbeit Schritt für Schritt.

Problem: Welches Spannungsverhältnis beschreibt Arendt zwischen der Erhaltung des nackten Lebens (Körperbedürfnisse) und der Teilhabe an einer dauerhaften „Welt"?

Formulieren Sie das Problem in einfacher Sprache, um damit Ihr Textverständnis zu belegen. Tipp: Achten Sie auf Begriffe wie „Stoffwechsel" und die Formulierung „der Welt nicht achten".

Lösung: Welche Antwort gibt Arendt auf das Problem? Wie erläutert sie dieses Spannungsverhältnis?

Fassen Sie Arendts Hauptaussage über die „gesellschaftliche Lage" der arbeitenden Klasse in zwei Sätzen zusammen. Achten Sie auf das Zitat „omnis vita servitium est" sowie die Begriffe „Weltlosigkeit" und „Privatheit des Körpers".

Argument: Mit welchen Argumenten stützt Arendt ihre Lösung?

  • Warum nennt Arendt das animal laborans „weltlos"?
  • Was ist der Unterschied zwischen der Weltflucht der vita contemplativa und der Weltlosigkeit des animal laborans?
  • Wie begründet sie historisch die Sklaverei — politischer Fehler oder natürliche Gegebenheit?

Rekonstruieren Sie den logischen Weg, den Arendt geht.

Tragfähigkeit: Wie tragfähig ist Arendts Argumentation? Ist die Gleichsetzung von Arbeit und Knechtschaft („natürliche Lage") heute noch haltbar? Finden Sie ein Gegenargument oder eine Schwachstelle in ihrer Argumentationskette.

Orientierung: Welche eigene Position beziehen Sie? Überzeugt die radikale Trennung zwischen „höheren" Tätigkeiten und „niederer" Arbeit? Ist die Bezeichnung „weltlose Exemplare" für moderne Arbeitnehmer gerechtfertigt oder abwertend?

Wenn Arbeit laut Arendt „Privatheit" und „Weltlosigkeit" bedeutet — was bedeutet das für eine Gesellschaft, die sich fast ausschließlich über Erwerbsarbeit definiert? Beziehen Sie moderne Begriffe wie „Work-Life-Balance" oder „Automatisierung der Arbeit" mit ein.

Kommentar Arendt · Arbeit, Weltlosigkeit, Sklaverei als Schicksal

Die Analyse der Arbeit

Arbeit ≠ Freiheit — drei Schritte, um Arendts zentrale These zu verstehen.

1. Arbeit ist lebensnotwendig, nicht frei

Die Arbeit des animal laborans dient nur der Erhaltung des Lebens: sie ist „von Körperbedürfnissen getrieben", vergänglich, repetitiv und „weltlos", weil sie keine dauerhaften Spuren hinterlässt. Wer jeden Tag das Gleiche tut — schlafen, essen, arbeiten, einkaufen, kochen, putzen — tut das, was er muss, um zu überleben. Diese Arbeit ist wichtig, aber sie macht weder glücklich noch frei. Sie hört nie auf, und am Ende bleibt nichts übrig.

2. Weltlosigkeit

Der animal laborans zieht sich nicht bewusst aus der Welt zurück — er ist gefangen in den Bedürfnissen des eigenen Körpers. Wer den ganzen Tag nur mit den eigenen Bedürfnissen beschäftigt ist, hat keine Zeit und Energie, um mit anderen zusammen etwas Neues zu gestalten. Wer nur arbeitet, lebt „weltlos": er ist nicht mit anderen verbunden und hinterlässt keine Spuren in der Welt.

3. Sklaverei als Schicksal

Tätigkeiten, die allein auf das Sichern des Überlebens zielen, werden als „Last" empfunden, die uns „am Menschsein hindert" — als Knechtschaft, die zu einer Grundbedingung des Lebens wird.

Omnis vita servitium est. — Das ganze Leben ist Knechtschaft.
— zitiert nach Hannah Arendt, Vita activa

Eigentlich ist jeder Mensch gewissermaßen ein Sklave — nicht weil jemand ihn zwingt, sondern weil das Leben selbst uns zwingt, ständig zu arbeiten. Selbst wer „frei" ist, muss diese Dinge tun, sonst überlebt er nicht. Das Leben ist wie ein unsichtbarer Chef, der uns sagt, was wir tun müssen.

Zwei Grundfragen

Was ist der Preis des Lebens? Die Notwendigkeit, das Leben zu erhalten, steht oft im Konflikt mit dem Streben nach Freiheit und Sinn.
Was macht den Menschen frei? Nicht die Arbeit, sondern das Handeln in der Öffentlichkeit, das Schaffen von Dauerhaftem und das Teilhaben an einer gemeinsamen Welt.

Exkurs Arendt · Kritik an Marx

Arendts Kritik an Marx

Arendt sieht in Marx' Vision einer arbeitenden Massengesellschaft die Gefahr, dass der Mensch auf Arbeit reduziert wird.

Karl Marx (sinngemäß)

„Wenn alle Menschen zusammen arbeiten und die Arbeit fair aufteilen, dann gibt es keine Ausbeutung mehr — und alle sind frei."

Hannah Arendt antwortet (sinngemäß)

„Wenn alle nur noch zusammen arbeiten, aber niemand mehr zusammen handelt und diskutiert, sind die Menschen vielleicht satt und haben ein Dach über dem Kopf — aber sie sind nicht wirklich frei. Sie werden zu einer riesigen, gut organisierten Ameisenkolonie."

Marx sah Arbeit als etwas Gutes: Wer arbeitet, schafft Reichtum und ist nützlich. Arendt warnt: Wenn Arbeit das Wichtigste wird, verbringen Menschen ihr ganzes Leben damit, nur zu „funktionieren" — wie Maschinen. Sie haben keine Zeit mehr für Sinn, Politik oder Kunst. Das nennt sie „weltlos": Die Menschen leben nebeneinander her, aber nicht wirklich miteinander.

Freiheit bedeutet für Arendt

Nicht nur, dass man genug zu essen hat, sondern dass man gemeinsam über das Leben entscheiden kann, miteinander diskutiert und eigene Ideen einbringt — auch wenn das anstrengend ist.

Höchste Tätigkeit Arendt · Handeln als Bedingung der Freiheit

Handeln als Bedingung der Freiheit

Das Handeln ist für Arendt die höchste menschliche Tätigkeit — aber auch die riskanteste.

(a) Es schafft Neues

Im Gegensatz zur repetitiven Arbeit und zum zielgerichteten Herstellen ist Handeln unvorhersehbar — es bringt das Unerwartete hervor, z. B. eine Petition oder eine Revolution. Das ist spannend, aber auch riskant.

(b) Es setzt Pluralität voraus

Handeln findet nur zwischen Menschen statt, nicht im Privaten. Es geht um Gespräche, Streit, Zusammenarbeit, Überzeugung — und erfordert Mut: sich zu zeigen, seine Meinung zu sagen, Verantwortung zu übernehmen.

(c) Es ist fragil

Weil Handeln nicht kontrollierbar ist, fürchten moderne Gesellschaften es. Sie bevorzugen Herstellen (Technokratie) oder Arbeiten (Konsumsteigerung) — Handeln wird verdrängt.

Beispiel

Eine Demonstration ist Handeln — sie schafft einen öffentlichen Raum, in dem Freiheit sichtbar wird. Ein Fabrikarbeiter, der nur schraubt (Arbeiten), oder ein Ingenieur, der Maschinen entwirft (Herstellen), handeln in diesem Sinne nicht politisch.

Arendt stellt fest: Die moderne Gesellschaft erhebt Arbeit zum einzigen Wert (Streben nach Geld, Konsumgesellschaft), und Herstellen wird zur dominierenden Logik (Bürokratie, Technikgläubigkeit). Eine Gesellschaft, die nur noch arbeitet und herstellt, verliert ihre Menschlichkeit.

Übung Arendt · Grundbegriffe zuordnen

Ergänze die Sätze — klicke auf den passenden Begriff

Ordne jeden Begriff der richtigen Lücke zu.

animal laborans homo faber zoon politikon weltlos
Der Mensch, der nur der Selbsterhaltung dient und seine Tätigkeit ständig wiederholen muss, heißt bei Arendt             .
Der Mensch, der dauerhafte Gegenstände herstellt und sich damit eine „Dingwelt" schafft, heißt bei Arendt           .
Wer mit anderen gemeinsam entscheidet, debattiert und Neues beginnt, handelt als             .
Wer nur mit den eigenen Körperbedürfnissen beschäftigt ist und keine Spuren in der Welt hinterlässt, lebt laut Arendt         .
Revisionsfragen Arendt · Wiederholung

Revisionsfragen

Klicke auf jede Frage, um die Antwort anzuzeigen.

Warum ist der animal laborans laut Arendt nicht frei?
Worin unterscheiden sich homo faber und animal laborans?
Warum ist Handeln für Arendt die höchste Tätigkeit?
Was kritisiert Arendt an Marx' Vision der Arbeitsgesellschaft?
Was bedeutet „omnis vita servitium est"?
Synthese Arendt · Arbeiten, Herstellen, Handeln

Die drei Grundtätigkeiten — Synthese

Ist der Mensch ein Arbeitstier? Für Arendt lautet die Antwort: nur, wenn er sich selbst darauf reduziert.

01
Arbeiten

Der animal laborans sichert das Überleben — notwendig, aber repetitiv, vergänglich und „weltlos". Er ist der Notwendigkeit unterworfen, nicht frei.

02
Herstellen

Der homo faber schafft eine dauerhafte „Dingwelt" — kreativ, aber instrumentell: Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck.

03
Handeln

Der zoon politikon schafft Neues in Gemeinschaft mit anderen — unvorhersehbar, riskant, aber die einzig wirklich freie Tätigkeit.

Omnis vita servitium est. — Das ganze Leben ist Knechtschaft.
— Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, 1958
Note importante

Arendt verurteilt weder Arbeiten noch Herstellen — beide sind notwendig. Ihre Warnung gilt der Überbetonung: Eine Gesellschaft, die den Menschen nur noch als Arbeitstier oder Produzenten begreift und das Handeln verdrängt, verliert ihre Fähigkeit zur Freiheit.

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