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Philosophie Ethik Debatte

Zwergenweitwurf

Sport oder Menschenverachtung? Ein Fall, der eine große Frage aufwirft: Ist die Würde des Menschen unantastbar, auch dann, wenn jemand selbst und freiwillig mitmacht?

Einleitung Zwergenweitwurf 01

Worum geht es?

Vom Jahrmarkt zur „Sportart“

Der Zwergenweitwurf (auch Zwergenwerfen genannt) entstand in den 1980er Jahren als Attraktion auf Jahrmärkten. Später entwickelte sich daraus eine regelrechte Sportart, die vor allem in Australien und den USA ausgeübt wurde.

Die Regeln

Ein möglichst kräftiger Mann packt einen kleinwüchsigen Mann und versucht, ihn so weit wie möglich zu werfen.

Die Sicherheit

Der Geworfene trägt Schutzkleidung und landet auf einer gepolsterten Matte, um Verletzungen vorzubeugen.

Die Rekorde

1986 fanden die ersten „Dwarf Throwing World Championships“ statt. Der Weltrekord liegt bei 3,88 m.

Größe und Gewicht des Geworfenen spielen übrigens keine Rolle. Einzige Bedingung: Er muss kleinwüchsig sein.

Zum Sprachgebrauch

Viele kleinwüchsige Menschen empfinden das Wort „Zwerg“ als abwertend. Wir verwenden es hier nur als Name der Veranstaltung. Wenn wir über die Menschen selbst sprechen, sagen wir „kleinwüchsige Menschen“. Schon diese Wortwahl berührt übrigens unsere Frage: Wann wird ein Mensch durch Sprache oder Spektakel herabgesetzt?

Video Zwergenweitwurf 02
Sport oder Menschenverachtung? Dein erster Eindruck, ganz spontan

Merk dir deine Antwort: Am Ende der Seite stimmst du noch einmal ab und siehst, ob sich deine Meinung geändert hat.

Fragestellung Zwergenweitwurf 03

Was den einen Spaß macht …

… finden viele andere weder lustig noch sportlich.

Mehrere Menschenrechtsorganisationen und Verbände kleinwüchsiger Menschen fordern ein Verbot des Zwergenweitwurfs. In Frankreich wurde der Streit bis vor die höchsten Instanzen getragen:

  1. 1980erDer Zwergenweitwurf kommt als Jahrmarkt-Attraktion auf, 1986 folgt die erste „Weltmeisterschaft“.
  2. FrankreichDer Conseil d’État, das oberste Verwaltungsgericht, entscheidet: Zwergenwerfen verstößt gegen die Menschenwürde und schadet damit der öffentlichen Ordnung. Gemeinden dürfen es verbieten.
  3. KlageDer kleinwüchsige Franzose Manuel Wackenheim, selbst ein „geworfener“ Darsteller, wehrt sich gegen das Verbot: Es nehme ihm seine Arbeit und seine Entscheidungsfreiheit.
  4. 2002Auch die Vereinten Nationen geben dem Verbot recht: Der Schutz der Menschenwürde wiegt schwerer.
Verstößt der Zwergenweitwurf gegen die Menschenwürde, und ist ein Verbot gerechtfertigt? Die Leitfrage
Das Besondere an diesem Fall

Niemand wird gezwungen. Der Geworfene macht freiwillig mit und wird bezahlt. Wenn das Verbot ihn schützen soll, schützt es ihn dann vor anderen, oder vor sich selbst? Hier stoßen zwei Werte zusammen: Würde und Selbstbestimmung.

Argumente Zwergenweitwurf 04

Pro und Contra

Wie schwer wiegt jedes Argument für dich? Lege es auf die Waage.

Pro Verbot0 Contra Verbot0

Gewichte die Argumente, dann zeigt die Waage, wohin du neigst.

Pro · für ein Verbot

a. Entwürdigung

Der Zwergenweitwurf ist eine diskriminierende Tätigkeit. Die Kleinwüchsigkeit wird ins Lächerliche gezogen.

b. Instrumentalisierung

Kleinwüchsige Menschen werden wie Objekte behandelt, die man einfach benutzen und wegwerfen kann.

Contra · gegen ein Verbot

c. Selbstbestimmung

Kleinwüchsige können selbst entscheiden, was sie mit sich machen lassen wollen. Sie nehmen freiwillig teil.

d. Berufsfreiheit

Einige kleinwüchsige Menschen verdienen mit dem Zwergenweitwurf ihren Lebensunterhalt.

Übung Zwergenweitwurf 05

Welches Argument ist das?

So könnten Teilnehmende einer Debatte sprechen. Ordne jede Aussage einem der vier Argumente zu.

    Konsistenz-Check Zwergenweitwurf 06

    Mit zweierlei Maß?

    Ist das entwürdigend? Entscheide bei jedem Fall, dann prüfen wir, ob du überall denselben Maßstab anlegst.

      Fazit Zwergenweitwurf 07

      Zwei Antworten auf dieselbe Frage

      Im Kern geht es um die Grenzen des Selbstbestimmungsrechts.

      Das Fazit der Debattiergruppe

      Die Teilnehmer machen freiwillig und selbstbestimmt mit, sie werden also nicht von anderen entwürdigt. Ein humorvoller Umgang mit der eigenen Behinderung kann manchen sogar helfen.

      • Auch normalwüchsige Menschen stellen sich für Geld und Ruhm zur Schau.
      • Wäre Kleinwüchsigkeit keine Behinderung, würde sich wohl niemand daran stören.
      • Ergebnis: Das Selbstbestimmungsrecht ist das stärkste Argument gegen ein Verbot, solange alle freiwillig teilnehmen und niemand gefährdet wird.
      Die Antwort der Gerichte

      Der Conseil d’État und die Vereinten Nationen sahen es anders: Die Würde ist kein Besitz, auf den der Einzelne beliebig verzichten kann. Sie betrifft auch, wie eine Gesellschaft auf alle kleinwüchsigen Menschen blickt.

      • Das Spektakel lebt davon, dass der Körper des Geworfenen als Wurfgeschoss dient.
      • Wer einmal geworfen wird, prägt das Bild von allen, die so aussehen.
      • Ergebnis: Ein Verbot ist gerechtfertigt, selbst gegen den Willen des Betroffenen.
      Eine verwandte Frage

      Dasselbe Problem stellt sich bei der Sterbehilfe: Darf ein Mensch frei über sein eigenes Leben verfügen? Oder gibt es Grenzen, die auch dann gelten, wenn jemand selbst sie überschreiten will?

      Debatte Zwergenweitwurf 08

      Ablauf der Diskussionsrunde

      So läuft eine philosophische Debatte in 100 Minuten ab. Klicke einen Schritt an, wenn er erledigt ist.

      Bewertung Zwergenweitwurf 09

      Wie wird die Debatte bewertet?

      Sechs Kriterien zu je 10 Punkten. Schätze deine Gruppe selbst ein.

      Schriftliche Leistung

      5 / 10

      Positionspapier: Darstellung des Themas, Bedeutsamkeit der Argumente, Begründung der eigenen Position, Schreibfehler, Quellen.

      Qualität der Argumente

      5 / 10

      Wurden die wichtigsten Argumente genannt und ausreichend begründet (Statistiken, historische Fakten, Bezug zur Theorie, Fachbegriffe)?

      Formulierung der Argumente

      5 / 10

      Mündlicher Vortrag: Wurden die Argumente überzeugend präsentiert, und haben sich alle fachgerecht ausgedrückt?

      Nonverbale Präsentation

      5 / 10

      Auftreten, Kleidung, Körpersprache, Gestik, Mimik, vorbereiteter Eindruck, Kenntnis des Themas, selbstbewusster Auftritt.

      Ablauf

      5 / 10

      Einhaltung des Ablaufs, Tafelbild (Zusammenfassung, Fehlerfreiheit), Moderation der Diskussion und der Abstimmung, Diskussionsbereitschaft.

      Vorbereitung

      5 / 10

      Hat die Gruppe ihre Zeit gut genutzt? Waren alle in jeder Vorbereitungsstunde anwesend und vorbereitet?

      Selbsteinschätzung30 / 60

      Nur eine Selbsteinschätzung zur Vorbereitung: Die Note vergibt die Lehrkraft.

      Abstimmung Zwergenweitwurf 10

      Und jetzt?

      Nach allen Argumenten: Wie siehst du den Zwergenweitwurf heute?

      Beispiel für einen Konsens

      So hat eine Klasse ihre Debatte abgeschlossen: „Der Zwergenweitwurf ist keine Entwürdigung, solange die Teilnahme freiwillig ist und keine Gefahr für sich selbst und andere Menschen darstellt.“ Würdest du diesen Satz unterschreiben, oder würdest du ihn umformulieren?

      Quellen

      • Benjamin Doerfel: Zwergenwerfen – Sport oder Menschenverachtung?, Hamburger Abendblatt
      • Thomas Waetke: Liliputaner-Action: sittenwidrige Werbeaktion in Disko, anwalt.de
      • Sylvie Caster: Manuel Wackenheim, nain volant, Libération (1996)
      • Lucia Schmidt: Humor trotz Krankheit – Lachen vertreibt die schwarzen Gedanken, FAZ