Philosophia
Anthropologie Epikur · Seneca · Heidegger

Sterblichkeit

Der Mensch ist vermutlich das einzige Lebewesen, das weiß, dass es sterben wird. Macht uns dieses Wissen Angst, oder gibt es unserem Leben erst seinen Wert? Philosophieren heißt, so sagte Montaigne, sterben lernen.

Einstieg Sterblichkeit 01

Rund 4000 Wochen

So lang ist ein Menschenleben von 80 Jahren. Jedes Kästchen ist eine Woche, jede Zeile zwei Jahre.

Jahre
–Wochen gelebt
–Wochen bei 80 Jahren noch übrig
–Sommerferien noch übrig
Wie fühlt sich das an?

Der Journalist Oliver Burkeman hat ein ganzes Buch nach dieser Zahl benannt: 4000 Wochen (2021). Sein Gedanke: Wir haben nicht unendlich viel Zeit, also müssen wir wählen, wofür wir sie verwenden. Macht dich die Zahl eher nervös, oder eher entschlossen?

Epikur Sterblichkeit 02

Der Tod geht uns nichts an

Epikur (341–270 v. Chr.), Brief an Menoikeus

mmh …

Der griechische Philosoph Epikur gründete in Athen eine Schule in einem Garten, den man „den Garten“ nannte. Sein Ziel: ein Leben in heiterer Gelassenheit, ohne unnötige Angst. Dazu gehörten einfache Freuden wie Brot, Wasser, ein paar Früchte und gute Freunde. Die größte aller Ängste ist die vor dem Tod, der hinter jedem von uns steht. Epikur will sie mit einem Argument auflösen. Klicke dich Schritt für Schritt hindurch.

  1. Gut und schlecht gibt es für uns nur, wenn wir etwas empfinden: Freude oder Schmerz.

Das Spiegel-Argument

Epikurs Schüler, der römische Dichter Lukrez, ergänzt: Denk an die unendlich lange Zeit vor deiner Geburt. Hat sie dir wehgetan? Nein. Die Zeit nach deinem Tod ist wie ein Spiegelbild davon. Warum solltest du dich davor fürchten?

Einwand Sterblichkeit 03

Überzeugt dich Epikur?

Wähle die Antwort, die deiner Meinung am nächsten kommt.

Seneca Sterblichkeit 04

Das Leben ist nicht zu kurz

Seneca (ca. 1–65 n. Chr.), Von der Kürze des Lebens

Der römische Philosoph Seneca widerspricht der Klage, das Leben sei zu kurz. Wir hätten genug Zeit, wir verschwendeten sie nur: mit Dingen, die uns nicht wichtig sind, für Menschen, die uns nichts bedeuten.

„Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern wir vergeuden zu viel.“Seneca, Von der Kürze des Lebens (sinngemäß)

Wohin geht deine Zeit?

Schätze, wie viele Stunden du an einem normalen Tag mit diesen Dingen verbringst.

Hochgerechnet

Das soll kein schlechtes Gewissen machen: Auch Seneca meint nicht, dass Entspannung verschwendet ist. Seine Frage ist, ob du deine Zeit selbst einteilst, oder ob andere das für dich tun.

Heidegger Sterblichkeit 05

Sein zum Tode

Martin Heidegger (1889–1976), Sein und Zeit (1927)

Für den deutschen Philosophen Martin Heidegger ist der Tod nicht etwas, das irgendwann am Ende kommt. Er gehört zu unserem Leben von Anfang an. Der Mensch ist ein „Sein zum Tode“: Er lebt immer schon auf sein Ende hin.

Das „Man“

Meistens verdrängen wir den Tod. Wir sagen: „Man stirbt eben irgendwann“, als ginge es um andere. Wir leben, wie „man“ lebt, denken, was „man“ denkt, und tun, was „man“ tut. Heidegger nennt das ein uneigentliches Leben.

Eigentlichkeit

Wer begreift, dass ich selbst sterben werde, und zwar ganz allein, den reißt das aus dem „Man“ heraus. Er fragt sich: Was will ich eigentlich mit meinem Leben? Dieses Bewusstsein führt zu einem eigentlichen Leben.

Paradox

Epikur will, dass wir den Tod aus unseren Gedanken verbannen. Heidegger will genau das Gegenteil: Erst wer an den Tod denkt, lebt wirklich. Welcher der beiden Gedanken hilft dir mehr?

Übung Sterblichkeit 06

„Man“ oder ich?

Klingt dieser Satz nach dem „Man“, oder nach einem eigentlichen Leben im Sinne Heideggers?

    Gedankenexperiment Sterblichkeit 07

    Das Elixier

    Jemand bietet dir einen Trank an: Wer ihn trinkt, bleibt für immer gesund und jung, und stirbt nie.

    Wiederholung Sterblichkeit 08

    Wer sagt was?

    Epikur, Seneca oder Heidegger: Ordne jede Aussage zu.

      Ein Hinweis zum Schluss: Über den Tod nachzudenken kann aufwühlen. Wenn dich das Thema persönlich belastet, etwa weil du jemanden verloren hast oder es dir selbst nicht gut geht, sprich mit jemandem, dem du vertraust: Freunden, Familie, deiner Lehrkraft oder dem SePAS deiner Schule. Anonym ansprechbar sind in Luxemburg auch das Kanner-Jugendtelefon (116 111) und SOS Détresse (45 45 45).

      Quellen

      • Epikur: Brief an Menoikeus; Lukrez: Über die Natur der Dinge, Buch III
      • Seneca: Von der Kürze des Lebens (De brevitate vitae)
      • Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927), §§ 46–53
      • Thomas Nagel: Death (1970); Bernard Williams: The Makropulos Case (1973)
      • Michel de Montaigne: Essais I, 20; Oliver Burkeman: 4000 Wochen (2021)