Der Mensch ist vermutlich das einzige Lebewesen, das weiß, dass es sterben wird. Macht uns dieses Wissen Angst, oder gibt es unserem Leben erst seinen Wert? Philosophieren heißt, so sagte Montaigne, sterben lernen.
Der Journalist Oliver Burkeman hat ein ganzes Buch nach dieser Zahl benannt: 4000 Wochen (2021). Sein Gedanke: Wir haben nicht unendlich viel Zeit, also müssen wir wählen, wofür wir sie verwenden. Macht dich die Zahl eher nervös, oder eher entschlossen?
Der griechische Philosoph Epikur gründete in Athen eine Schule in einem Garten, den man „den Garten“ nannte. Sein Ziel: ein Leben in heiterer Gelassenheit, ohne unnötige Angst. Dazu gehörten einfache Freuden wie Brot, Wasser, ein paar Früchte und gute Freunde. Die größte aller Ängste ist die vor dem Tod, der hinter jedem von uns steht. Epikur will sie mit einem Argument auflösen. Klicke dich Schritt für Schritt hindurch.
Gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod uns nichts angeht. […] Solange wir sind, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr. Epikur, Brief an Menoikeus
Epikurs Schüler, der römische Dichter Lukrez, ergänzt: Denk an die unendlich lange Zeit vor deiner Geburt. Hat sie dir wehgetan? Nein. Die Zeit nach deinem Tod ist wie ein Spiegelbild davon. Warum solltest du dich davor fürchten?
Dann hast du die Haltung der Epikureer: Gelassenheit. Für sie ist ein gutes Leben eines ohne Furcht. Aber ist es wirklich nur ein Denkfehler, wenn uns der Gedanke an den eigenen Tod traurig macht?
Genau so argumentiert der Philosoph Thomas Nagel (Death, 1970): Der Tod ist nicht schlimm, weil er wehtut, sondern weil er uns alles wegnimmt, was wir noch hätten erleben können. Man muss etwas nicht spüren, damit es ein Verlust ist. Und das Spiegel-Argument? Vor der Geburt haben wir nichts verloren, nach dem Tod schon.
Ein wichtiger Unterschied: Epikur spricht über den Tod, also das Nicht-mehr-Sein. Das Sterben dagegen ist ein Teil des Lebens, und das kann mit Schmerz und Angst verbunden sein. Epikurs Argument tröstet also vielleicht über das eine, aber nicht über das andere.
Der römische Philosoph Seneca widerspricht der Klage, das Leben sei zu kurz. Wir hätten genug Zeit, wir verschwendeten sie nur: mit Dingen, die uns nicht wichtig sind, für Menschen, die uns nichts bedeuten.
„Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern wir vergeuden zu viel.“Seneca, Von der Kürze des Lebens (sinngemäß)
Schätze, wie viele Stunden du an einem normalen Tag mit diesen Dingen verbringst.
Das soll kein schlechtes Gewissen machen: Auch Seneca meint nicht, dass Entspannung verschwendet ist. Seine Frage ist, ob du deine Zeit selbst einteilst, oder ob andere das für dich tun.
Für den deutschen Philosophen Martin Heidegger ist der Tod nicht etwas, das irgendwann am Ende kommt. Er gehört zu unserem Leben von Anfang an. Der Mensch ist ein „Sein zum Tode“: Er lebt immer schon auf sein Ende hin.
Meistens verdrängen wir den Tod. Wir sagen: „Man stirbt eben irgendwann“, als ginge es um andere. Wir leben, wie „man“ lebt, denken, was „man“ denkt, und tun, was „man“ tut. Heidegger nennt das ein uneigentliches Leben.
Wer begreift, dass ich selbst sterben werde, und zwar ganz allein, den reißt das aus dem „Man“ heraus. Er fragt sich: Was will ich eigentlich mit meinem Leben? Dieses Bewusstsein führt zu einem eigentlichen Leben.
Epikur will, dass wir den Tod aus unseren Gedanken verbannen. Heidegger will genau das Gegenteil: Erst wer an den Tod denkt, lebt wirklich. Welcher der beiden Gedanken hilft dir mehr?
Verständlich: Es gibt so viel zu erleben. Aber stell dir die Jahre 2 000, 20 000, 2 000 000 vor. Alle deine Freunde sind längst gestorben, du hast jedes Land gesehen, jedes Buch gelesen, jeden Beruf ausgeübt. Was würde dich dann noch morgens aus dem Bett holen?
So argumentiert der Philosoph Bernard Williams (1973) mit einem Theaterstück: Die Heldin Elina Makropulos hat durch ein Elixier schon 342 Jahre gelebt. Alles ist ihr gleichgültig geworden, nichts bedeutet ihr noch etwas. Am Ende verzichtet sie auf einen weiteren Schluck. Für Williams gibt erst die Begrenztheit unseren Wünschen ihr Gewicht.
Dann wäre der Tod nicht mehr ein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Wäre das leichter, oder schwerer? Wann wüsstest du, dass es genug ist? Hier berührt die Frage auch die Debatten um Sterbehilfe und um die Verlängerung des Lebens durch Technik (siehe Transhumanismus).
Ein Hinweis zum Schluss: Über den Tod nachzudenken kann aufwühlen. Wenn dich das Thema persönlich belastet, etwa weil du jemanden verloren hast oder es dir selbst nicht gut geht, sprich mit jemandem, dem du vertraust: Freunden, Familie, deiner Lehrkraft oder dem SePAS deiner Schule. Anonym ansprechbar sind in Luxemburg auch das Kanner-Jugendtelefon (116 111) und SOS Détresse (45 45 45).