Philosophia
Anthropologie Hobbes Rousseau

Wolf oder Lamm?

Was wäre, wenn es keine Gesetze, keine Polizei und keinen Staat gäbe? Würden wir uns gegenseitig zerfleischen, oder friedlich zusammenleben? Zwei Philosophen, zwei völlig verschiedene Antworten auf die Frage, wie der Mensch von Natur aus ist.

Gedankenexperiment Hobbes oder Rousseau? 01

Gestrandet

Ein Flugzeug muss auf einer einsamen Insel notlanden. Ihr seid zwanzig Überlebende. Niemand weiß, wann Hilfe kommt. Es gibt keine Regeln, keine Polizei, niemanden, der das Sagen hat.

    Deine Antworten bleiben auf dieser Seite. Das Ergebnis ist kein psychologischer Test, sondern ein Einstieg in die Frage: Wie würden Menschen sich verhalten?

    Biographie Hobbes oder Rousseau?

    Thomas Hobbes (1588–1679)

    Englischer Philosoph und Staatstheoretiker

    Portrait von Thomas Hobbes
    Thomas Hobbes
    • Geboren 1588 in Westport bei Malmesbury (England), angeblich zu früh, aus Schreck über die heranrückende spanische Armada. Später schrieb er: „Die Furcht und ich wurden als Zwillinge geboren.“
    • Studium in Oxford, danach jahrzehntelang Hauslehrer und Sekretär der Adelsfamilie Cavendish
    • Erlebt den Englischen Bürgerkrieg (1642–1651) und flieht für elf Jahre nach Paris
    • Hauptwerk: Leviathan (1651). Der Titel stammt von einem biblischen Seeungeheuer, das für den übermächtigen Staat steht.
    • Stirbt 1679 mit 91 Jahren, ungewöhnlich alt für seine Zeit
    Hobbes Hobbes oder Rousseau? 02

    Der Krieg aller gegen alle

    Thomas Hobbes, Leviathan (1651), Kapitel 13

    Hobbes stellt sich vor, wie Menschen ohne Staat leben würden, im sogenannten Naturzustand. Sein Ausgangspunkt: Alle Menschen sind ungefähr gleich stark. Selbst der Schwächste kann den Stärksten töten, mit List oder gemeinsam mit anderen. Niemand ist also sicher.

    Drei Ursachen für Streit

    1 · Konkurrenz

    Zwei wollen dasselbe, aber es reicht nicht für beide. Man greift an, um Gewinn zu machen.

    2 · Misstrauen

    Weil ich nicht weiß, was der andere vorhat, greife ich lieber zuerst an. Man kämpft für die eigene Sicherheit.

    3 · Ruhmsucht

    Jeder will, dass die anderen ihn so hoch schätzen wie er sich selbst. Man kämpft für das eigene Ansehen.

    Daraus ergibt sich klar, dass die Menschen, solange sie ohne eine allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht leben, sich in einem Zustand befinden, der Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden. […] Und das Leben des Menschen ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz. Thomas Hobbes, Leviathan, Kap. 13 (sinngemäße Übersetzung)
    Die Lösung: der Leviathan

    Aus Angst vor dem Tod schließen die Menschen einen Vertrag: Jeder gibt sein Recht, alles zu tun, an einen Herrscher ab. Dieser übermächtige Staat, der Leviathan, sorgt mit Gewalt für Frieden. Man tauscht also Freiheit gegen Sicherheit.

    Bekannt ist auch der Satz „Homo homini lupus“, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Hobbes zitiert ihn 1642 in seinem Werk De Cive; ursprünglich stammt er vom römischen Komödiendichter Plautus.

    Biographie Hobbes oder Rousseau?

    Jean-Jacques Rousseau (1712–1778)

    Genfer Philosoph, Schriftsteller und Komponist der Aufklärung

    Portrait von Jean-Jacques Rousseau
    Jean-Jacques Rousseau
    • Geboren 1712 in Genf; seine Mutter stirbt kurz nach der Geburt
    • Kaum Schulbildung: Rousseau bringt sich fast alles selbst bei und schlägt sich als Lakai, Musiklehrer und Notenschreiber durch
    • Berühmt wird er 1750 mit einer Preisschrift, die behauptet, Wissenschaft und Kunst hätten die Sitten verdorben
    • Hauptwerke: Diskurs über die Ungleichheit (1755), Der Gesellschaftsvertrag (1762), Émile oder über die Erziehung (1762)
    • Seine Bücher werden verboten und verbrannt. Er stirbt 1778; seine Ideen inspirieren später die Französische Revolution.
    Rousseau Hobbes oder Rousseau? 03

    Von Natur aus gut

    Jean-Jacques Rousseau, Diskurs über die Ungleichheit (1755)

    Rousseau wirft Hobbes einen Denkfehler vor: Hobbes beschreibe gar nicht den natürlichen Menschen, sondern den Menschen seiner eigenen Zeit, der schon von der Gesellschaft geprägt ist, und verlege ihn nur in die Wildnis.

    Der Mensch im Naturzustand
    • Lebt allein, frei und mit wenigen Bedürfnissen: Nahrung, Schlaf, Ruhe
    • Selbstliebe (amour de soi): der gesunde Wunsch, sich selbst zu erhalten
    • Mitleid (pitié): Er leidet, wenn er andere leiden sieht, und verletzt sie deshalb nur ungern
    • Kein Neid, kein Besitz, kein Grund zum Krieg
    Was die Gesellschaft daraus macht
    • Menschen leben zusammen und vergleichen sich
    • Aus Selbstliebe wird Eigenliebe (amour-propre): Ich will besser sein als die anderen
    • Mit dem Privateigentum entstehen Ungleichheit, Neid und Gewalt
    • Der Mensch wird nicht schlecht geboren, er wird schlecht gemacht
    Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Dies ist mein, und der Leute fand, die einfältig genug waren, es zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Jean-Jacques Rousseau, Diskurs über die Ungleichheit (1755), zweiter Teil
    Kein „Zurück zur Natur“

    Der berühmte Spruch „Zurück zur Natur!“ stammt nicht von Rousseau. Er wusste, dass es kein Zurück gibt. Seine Lösung im Gesellschaftsvertrag (1762): eine Gemeinschaft, in der alle gemeinsam die Gesetze bestimmen, sodass jeder „nur sich selbst gehorcht und so frei bleibt wie zuvor“. Das Werk beginnt mit dem Satz: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“

    Übung Hobbes oder Rousseau? 04

    Hobbes und Rousseau im Vergleich

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    HobbesRousseau
    Übung Hobbes oder Rousseau? 05

    Wer sagt was?

    Würde Hobbes oder Rousseau diesen Satz unterschreiben?

      Realitätstest Hobbes oder Rousseau? 06

      Zwei Inseln, zwei Geschichten

      Eine erfundene und eine wahre

      Roman · Herr der Fliegen (1954)

      Im Roman von William Golding stranden britische Schuljungen auf einer Insel. Erst versuchen sie, Regeln aufzustellen, dann zerfällt die Gruppe: Es kommt zu Jagd, Gewalt und Mord. Der Roman gilt als Beleg für Hobbes: Ohne Ordnung wird der Mensch zum Wolf.

      Wirklichkeit · ʻAta (1965–1966)

      1965 stranden sechs Jungen aus Tonga, 13 bis 16 Jahre alt, auf der unbewohnten Insel ʻAta. Als sie über ein Jahr später gefunden werden, haben sie einen Garten angelegt, ein Feuer am Brennen gehalten, Streit mit festen Regeln geschlichtet und das gebrochene Bein eines Freundes geschient.

      Zum Nachdenken

      Der Historiker Rutger Bregman erzählt die Geschichte von ʻAta in seinem Buch Im Grunde gut (2019) als Gegenbeispiel zu Golding. Aber Vorsicht: Beweist ein einzelner Fall, dass Rousseau recht hat? Die Jungen kannten sich, hatten eine gemeinsame Kultur und waren keine Menschen „ohne Gesellschaft“. Was müsste man eigentlich beobachten, um Hobbes oder Rousseau zu widerlegen?

      Dein Urteil Hobbes oder Rousseau? 07

      Und wer hat recht?

      Wo stehst du? Schiebe den Regler.

      🐺 Von Natur aus egoistischVon Natur aus gut 🐑

      Quellen

      • Thomas Hobbes: Leviathan (1651), Kap. 13 und 17; De Cive (1642)
      • Jean-Jacques Rousseau: Diskurs über die Ungleichheit (1755); Der Gesellschaftsvertrag (1762)
      • William Golding: Herr der Fliegen (1954)
      • Rutger Bregman: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit (2019)