Was wäre, wenn es keine Gesetze, keine Polizei und keinen Staat gäbe? Würden wir uns gegenseitig zerfleischen, oder friedlich zusammenleben? Zwei Philosophen, zwei völlig verschiedene Antworten auf die Frage, wie der Mensch von Natur aus ist.
Deine Antworten bleiben auf dieser Seite. Das Ergebnis ist kein psychologischer Test, sondern ein Einstieg in die Frage: Wie würden Menschen sich verhalten?

Hobbes stellt sich vor, wie Menschen ohne Staat leben würden, im sogenannten Naturzustand. Sein Ausgangspunkt: Alle Menschen sind ungefähr gleich stark. Selbst der Schwächste kann den Stärksten töten, mit List oder gemeinsam mit anderen. Niemand ist also sicher.
Zwei wollen dasselbe, aber es reicht nicht für beide. Man greift an, um Gewinn zu machen.
Weil ich nicht weiß, was der andere vorhat, greife ich lieber zuerst an. Man kämpft für die eigene Sicherheit.
Jeder will, dass die anderen ihn so hoch schätzen wie er sich selbst. Man kämpft für das eigene Ansehen.
Daraus ergibt sich klar, dass die Menschen, solange sie ohne eine allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht leben, sich in einem Zustand befinden, der Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden. […] Und das Leben des Menschen ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz. Thomas Hobbes, Leviathan, Kap. 13 (sinngemäße Übersetzung)
Aus Angst vor dem Tod schließen die Menschen einen Vertrag: Jeder gibt sein Recht, alles zu tun, an einen Herrscher ab. Dieser übermächtige Staat, der Leviathan, sorgt mit Gewalt für Frieden. Man tauscht also Freiheit gegen Sicherheit.
Bekannt ist auch der Satz „Homo homini lupus“, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Hobbes zitiert ihn 1642 in seinem Werk De Cive; ursprünglich stammt er vom römischen Komödiendichter Plautus.

Rousseau wirft Hobbes einen Denkfehler vor: Hobbes beschreibe gar nicht den natürlichen Menschen, sondern den Menschen seiner eigenen Zeit, der schon von der Gesellschaft geprägt ist, und verlege ihn nur in die Wildnis.
Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Dies ist mein, und der Leute fand, die einfältig genug waren, es zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Jean-Jacques Rousseau, Diskurs über die Ungleichheit (1755), zweiter Teil
Der berühmte Spruch „Zurück zur Natur!“ stammt nicht von Rousseau. Er wusste, dass es kein Zurück gibt. Seine Lösung im Gesellschaftsvertrag (1762): eine Gemeinschaft, in der alle gemeinsam die Gesetze bestimmen, sodass jeder „nur sich selbst gehorcht und so frei bleibt wie zuvor“. Das Werk beginnt mit dem Satz: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“
| Hobbes | Rousseau |
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Beide denken sich einen Naturzustand aus, den es so nie gegeben hat. Wozu dient dann so ein Gedankenexperiment? Was wollen die beiden damit eigentlich begründen?
Im Roman von William Golding stranden britische Schuljungen auf einer Insel. Erst versuchen sie, Regeln aufzustellen, dann zerfällt die Gruppe: Es kommt zu Jagd, Gewalt und Mord. Der Roman gilt als Beleg für Hobbes: Ohne Ordnung wird der Mensch zum Wolf.
1965 stranden sechs Jungen aus Tonga, 13 bis 16 Jahre alt, auf der unbewohnten Insel ʻAta. Als sie über ein Jahr später gefunden werden, haben sie einen Garten angelegt, ein Feuer am Brennen gehalten, Streit mit festen Regeln geschlichtet und das gebrochene Bein eines Freundes geschient.
Der Historiker Rutger Bregman erzählt die Geschichte von ʻAta in seinem Buch Im Grunde gut (2019) als Gegenbeispiel zu Golding. Aber Vorsicht: Beweist ein einzelner Fall, dass Rousseau recht hat? Die Jungen kannten sich, hatten eine gemeinsame Kultur und waren keine Menschen „ohne Gesellschaft“. Was müsste man eigentlich beobachten, um Hobbes oder Rousseau zu widerlegen?