Selbstinszenierung, Spiegelbild oder Bewusstseinsstrom? Von Narziss über das Schiff des Theseus bis zu David Hume: Was macht unsere Identität aus, und gibt es überhaupt ein festes „Ich“? Eine Spurensuche danach, wer wir eigentlich sind, und wer wir sein wollen.
Die eigene Identität wird in unserer zunehmend individualistischen Gesellschaft immer wichtiger. Medienpersönlichkeiten wie Sänger, Schauspieler und Influencer verkaufen nicht nur Unterhaltungsprodukte, sondern stellen auch ihren eigenen Charakter zur Schau. Ohne herausstechende Persönlichkeit wird einem in der stark umkämpften Unterhaltungsbranche kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Aber auch gewöhnliche Internetnutzer laufen in den sozialen Medien oft den „Likes“ hinterher. Jeder will heutzutage einzigartig sein.
Doch bereits in der Antike war die eigene Persönlichkeit ein wichtiges Thema. Wer in der attischen Demokratie nicht zu überzeugen wusste, fiel oftmals dem Scherbengericht zum Opfer: In der direkten Demokratie des antiken Griechenlands war Macht auch eine Frage des Ansehens.
Berühre das Wasser, wie Narziss, der seinen Mund den Wellen darbietet …
In Ovids Metamorphosen wird die Geschichte des Narziss erzählt: ein schöner Jüngling, der von vielen Liebenden beiderlei Geschlechts begehrt wurde, aber jeden ablehnte. Als sich Narziss an einer stillen Quelle in sein eigenes Spiegelbild verliebte, war er unfähig, sich seinem geliebten Objekt zu nähern, ohne das Wasser zu trüben und die Widerspiegelung zu zerstören.
Denn so oft ich den Mund darbiete den lauteren Wellen, so oft kommt er zu mir mit aufwärtsstrebendem Antlitz. Fast, fast scheint er berührt. Was trügst du mich, einziger Knabe?
Ovid, Metamorphosen, zitiert nach Eva Müller: Ethik in der Mythologie, 2021, S. 53Als er endlich die Ursache der Unnahbarkeit erkennt, „iste ego sum“ (der da bin ich), weiss er, dass er sein Spiegelbild nie besitzen kann. Trotzdem kann er sich nicht vom Wasser lösen. Er isst nicht mehr, schläft nicht mehr und schwindet langsam dahin. Ovid vergleicht ihn mit Wachs, das in der Wärme schmilzt, und mit Reif in der Morgensonne. Seine Schönheit, die alle bewunderten, vergeht: Narziss stirbt an seiner unerfüllbaren Liebe.
Ovids Geschichte lehrt uns, dass die Selbstverliebtheit eine trügerische Illusion ist.
Vor diesem Hintergrund stellt sich das Problem des eigenen „Ichs“.
Gibt es ein eigenes Ich, und was ist es eigentlich genau, was unsere Identität ausmacht?
Ein oder zwei Schiffe?
Der antike Autor Plutarch berichtet vom Schiff des Theseus, mit dem der Held in schwieriger Mission zu König Minos nach Kreta segelte, um griechische Geiseln aus der Gefangenschaft des Minotaurus zu befreien.
Das Schiff […] haben die Athener bis auf die Zeiten des Demetrios Phaleros aufbewahrt, indem sie immer statt des verfaulten Holzes neues und festes einziehen ließen. Daher pflegten in der Folge die Philosophen bei ihren Streitigkeiten über das Wachstum der Dinge sich immer auf dieses Fahrzeug zu berufen, sodass einige behaupteten, es wäre ein und dasselbe Schiff, andere hingegen, es wäre ein ganz anderes.
Plutarch, Lebensbeschreibungen: Theseus, Kap. 23Auch unser Körper erneuert sich ständig, wie das Schiff des Theseus.
David Hume (1711–1776)
Wenn ein Eindruck die Vorstellung des Ich veranlassen würde, so müsste dieser Eindruck unser ganzes Leben lang unverändert bleiben; denn das Ich soll ja auf diese Weise existieren. Es gibt aber keinen konstanten und unveränderlichen Eindruck. Wenn meine Perzeptionen eine Zeitlang nicht da sind, wie während des tiefen Schlafes, so bin ich ebensolange „meiner selbst“ unbewusst, man hat dann ein Recht zu sagen, dass „ich“ nicht existiere.
David Hume, Traktat über die menschliche Natur, Bd. I (dt. 1904)Hume behauptet, dass unserem Ich kein unveränderlicher Eindruck zugrunde liegt. Es gibt somit keine Eigenschaft unserer eigenen Identität, weder körperlich noch geistig, die nicht einem ständigen Wandel unterliegt. Wie beim Schiff des Theseus werden bei unserer Persönlichkeit alte Elemente durch neue ersetzt.
Laut Hume ist das Ich kein wissenschaftlicher Begriff und stellt somit eine Pseudo-Idee dar, genau wie die Idee von Gott oder der Seele. Das eigene Bewusstsein gleicht eher einem Fluss, in dem sich unterschiedliche Eindrücke ständig abwechseln.
Unser Ich ist somit ein Bewusstseinsstrom, eine ungeregelte Folge von Bewusstseinsinhalten. Urheber dieses Begriffs ist der Psychologe und Philosoph William James, der bereits 1890 die Idee eines kontinuierlich ablaufenden und sich verändernden Bewusstseinsstroms vertrat.
Selbstverliebtheit oder Selbstlosigkeit?
Während die meisten modernen Menschen die Existenz Gottes oder der Seele mit dem Argument ihrer empirischen Unbeweisbarkeit verneinen, wird der Begriff des eigenen Ichs immer wichtiger. Der eigene Persönlichkeitskult dient als Ersatzreligion in einer Zeit, in der es an sinnstiftenden Antworten fehlt.
Es kommt so zu einer Entfremdung zwischen den Menschen, die zum einsamen Mittelpunkt ihres eigenen digitalen Kosmos werden. Die Inszenierung des eigenen Selbst ist jedoch, wie in der Erzählung von Narziss, eine sinnentleerte Tätigkeit.
Vielleicht findet sich ein erfülltes Leben nicht in der Selbstverliebtheit, sondern in der Selbstlosigkeit, nicht im Reden über sich selbst, sondern im Zuhören. Wer wir eigentlich sind, zeigt sich weniger in unserem oft verzerrten Selbstbildnis als in unserem Umgang mit unseren Mitmenschen.
Charakter = die Summe aller Kerben
Das Wort „Charakter“ leitet sich vom griechischen charassein ab und bedeutet Ritze oder Narbe. Der Charakter bezeichnet somit ein Kennzeichen oder Merkmal, an dem jemand erkannt wird. Ähnlich dem Stamm eines Baumes, der durch die Gezeiten geformt wird und die Spuren trägt, welche die Natur in seiner Rinde hinterlässt, ist unser Ich wahrscheinlich die Summe aller Kerben, die das Leben bei uns hinterlässt.
Aus diesem Grund sollten wir unser Schicksal nicht fürchten und unsere Narben mit Stolz tragen, denn gerade sie formen unsere Persönlichkeit.
Was macht unsere Identität aus?
Wer nur sich selbst liebt, verfällt einer trügerischen Illusion: Das Spiegelbild ist unerreichbar.
Das Schiff des Theseus bleibt dasselbe, obwohl alle Planken ersetzt werden: Identität liegt im „Geist“, nicht in der Materie.
Es gibt kein festes Ich, denn kein Eindruck bleibt unverändert. Das Ich ist eine Pseudo-Idee.
Das Bewusstsein ist ein Strom: eine ständig fliessende, sich verändernde Folge von Eindrücken.
Der Persönlichkeitskult ist eine leere Ersatzreligion. Wer wir sind, zeigt sich im Umgang mit anderen.
Unser Ich ist die Summe der Kerben, die das Leben hinterlässt, wie die Rinde eines Baumes.