Philosophia

Identität
Wer bin ich?

Selbstinszenierung, Spiegelbild oder Bewusstseinsstrom? Von Narziss über das Schiff des Theseus bis zu David Hume: Was macht unsere Identität aus, und gibt es überhaupt ein festes „Ich“? Eine Spurensuche danach, wer wir eigentlich sind, und wer wir sein wollen.

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Teil 1
Einleitung : Jeder will einzigartig sein

Die eigene Identität wird in unserer zunehmend individualistischen Gesellschaft immer wichtiger. Medienpersönlichkeiten wie Sänger, Schauspieler und Influencer verkaufen nicht nur Unterhaltungsprodukte, sondern stellen auch ihren eigenen Charakter zur Schau. Ohne herausstechende Persönlichkeit wird einem in der stark umkämpften Unterhaltungsbranche kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Aber auch gewöhnliche Internetnutzer laufen in den sozialen Medien oft den „Likes“ hinterher. Jeder will heutzutage einzigartig sein.

Zeitungsmeldung über eine Influencerin, die beim Fotografieren am Rand eines Wasserfalls tödlich verunglückte
Medienpersönlichkeiten stellen ihren Charakter zur Schau, manchmal um jeden Preis.
Ein Bodybuilder mit extrem aufgepumpten Muskeln
Adonis, das göttliche Sinnbild der Schönheit, ist Namensgeber der heutigen „Muskelsucht“.

Doch bereits in der Antike war die eigene Persönlichkeit ein wichtiges Thema. Wer in der attischen Demokratie nicht zu überzeugen wusste, fiel oftmals dem Scherbengericht zum Opfer: In der direkten Demokratie des antiken Griechenlands war Macht auch eine Frage des Ansehens.

Ovid : Narziss
Narziss beugt sich über einen runden Brunnen und betrachtet sein Spiegelbild im Wasser, von oben gesehen

Berühre das Wasser, wie Narziss, der seinen Mund den Wellen darbietet …

In Ovids Metamorphosen wird die Geschichte des Narziss erzählt: ein schöner Jüngling, der von vielen Liebenden beiderlei Geschlechts begehrt wurde, aber jeden ablehnte. Als sich Narziss an einer stillen Quelle in sein eigenes Spiegelbild verliebte, war er unfähig, sich seinem geliebten Objekt zu nähern, ohne das Wasser zu trüben und die Widerspiegelung zu zerstören.

Denn so oft ich den Mund darbiete den lauteren Wellen, so oft kommt er zu mir mit aufwärtsstrebendem Antlitz. Fast, fast scheint er berührt. Was trügst du mich, einziger Knabe?

Ovid, Metamorphosen, zitiert nach Eva Müller: Ethik in der Mythologie, 2021, S. 53

Als er endlich die Ursache der Unnahbarkeit erkennt, „iste ego sum“ (der da bin ich), weiss er, dass er sein Spiegelbild nie besitzen kann. Trotzdem kann er sich nicht vom Wasser lösen. Er isst nicht mehr, schläft nicht mehr und schwindet langsam dahin. Ovid vergleicht ihn mit Wachs, das in der Wärme schmilzt, und mit Reif in der Morgensonne. Seine Schönheit, die alle bewunderten, vergeht: Narziss stirbt an seiner unerfüllbaren Liebe.

Ovids Geschichte lehrt uns, dass die Selbstverliebtheit eine trügerische Illusion ist.

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Teil 2
Die Leitfrage

Vor diesem Hintergrund stellt sich das Problem des eigenen „Ichs“.

Gibt es ein eigenes Ich, und was ist es eigentlich genau, was unsere Identität ausmacht?

Mögliche Antworten zum Einstieg
Mein KörperMein NameMeine ErinnerungenMein Charakter Meine Familie und FreundeMeine HerkunftMeine ÜberzeugungenMein Profil in den sozialen Medien
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Teil 3
Plutarch : Das Schiff des Theseus

Ein oder zwei Schiffe?

Der antike Autor Plutarch berichtet vom Schiff des Theseus, mit dem der Held in schwieriger Mission zu König Minos nach Kreta segelte, um griechische Geiseln aus der Gefangenschaft des Minotaurus zu befreien.

Das Schiff […] haben die Athener bis auf die Zeiten des Demetrios Phaleros aufbewahrt, indem sie immer statt des verfaulten Holzes neues und festes einziehen ließen. Daher pflegten in der Folge die Philosophen bei ihren Streitigkeiten über das Wachstum der Dinge sich immer auf dieses Fahrzeug zu berufen, sodass einige behaupteten, es wäre ein und dasselbe Schiff, andere hingegen, es wäre ein ganz anderes.

Plutarch, Lebensbeschreibungen: Theseus, Kap. 23

Planke für Planke

Das Schiff ist alt, die Planken sind morsch. Die Athener ersetzen jedes verfaulte Brett durch ein neues: Ersetze die Planken, eine nach der anderen.

Antikes griechisches Segelschiff mit Rudern; darunter liegen einzelne neue Planken bereit
0 von 8 Planken ersetzt
Alle Planken sind neu. Ist das noch das Schiff des Theseus?
1Weshalb verstanden die Philosophen das Schiff des Theseus als Paradoxon?
  • Stück für Stück wurden alle Einzelteile des Schiffes ersetzt. Ist es dann noch dasselbe Schiff, oder ein ganz anderes? Beide Antworten scheinen richtig und schliessen sich doch gegenseitig aus.
  • Sollte man also von einem oder von zwei Schiffen sprechen?
2Welche Antwort auf die Frage nach der Identität ermöglicht das Schiff?
  • Obwohl die materielle Substanz erneuert wurde, verbanden die Griechen mit dem Schiff weiterhin die Befreiung der athenischen Geiseln aus der Macht des Minotaurus.
  • Der „Geist“ des Schiffes prägt seine Identität, nicht seine Planken. Identität wird so unabhängig von Materie gedacht: Das Ich ist ein metaphysisches Konzept und lässt sich nicht auf materielle Dinge reduzieren.
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Teil 4
Bin ich noch derselbe?

Auch unser Körper erneuert sich ständig, wie das Schiff des Theseus.

Was gehört zusammen?

Ziehe jedes Bild aus dem Stapel zu der Person oder dem Lebewesen, zu dem es gehört (oder tippe erst ein Bild und dann ein Feld an). Woran erkennst du, dass es noch dieselbe Person ist?

Junge Frau um 1930früher
?
Frau mittleren Altersfrüher
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Junge Frau mit dunklen Lockenfrüher
?
Junger Mann in Uniformfrüher
?
Junger Mann mit Afro-Frisurfrüher
?
Junge im gelben Polohemdfrüher
?
Gestreifte RaupeRaupe
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Schwarze stachelige RaupeRaupe
?
Bunte behaarte RaupeRaupe
?
Sehr alte Frau mit kariertem Kragen
Orangefarbener Falter
Schwarz-roter Falter
Älterer Mann mit Brille und Mütze
Frau mit etwa 100 Jahren
Blauer Falter
Älterer Mann mit grauem Bart im Anzug
Sehr alte Frau mit weissem Haar
Erwachsener Mann in dunkler Jacke
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Teil 5
David Hume : Es gibt kein Ich

David Hume (1711–1776)

Wenn ein Eindruck die Vorstellung des Ich veranlassen würde, so müsste dieser Eindruck unser ganzes Leben lang unverändert bleiben; denn das Ich soll ja auf diese Weise existieren. Es gibt aber keinen konstanten und unveränderlichen Eindruck. Wenn meine Perzeptionen eine Zeitlang nicht da sind, wie während des tiefen Schlafes, so bin ich ebensolange „meiner selbst“ unbewusst, man hat dann ein Recht zu sagen, dass „ich“ nicht existiere.

David Hume, Traktat über die menschliche Natur, Bd. I (dt. 1904)

Hume behauptet, dass unserem Ich kein unveränderlicher Eindruck zugrunde liegt. Es gibt somit keine Eigenschaft unserer eigenen Identität, weder körperlich noch geistig, die nicht einem ständigen Wandel unterliegt. Wie beim Schiff des Theseus werden bei unserer Persönlichkeit alte Elemente durch neue ersetzt.

Zeichne folgende Dinge

Zeichne mit der Maus oder dem Finger in die Felder. Dann vergleiche.

Haus
Haus
Sonne
Sonne
Tropfen
Tropfen
Ich
Ich

Laut Hume ist das Ich kein wissenschaftlicher Begriff und stellt somit eine Pseudo-Idee dar, genau wie die Idee von Gott oder der Seele. Das eigene Bewusstsein gleicht eher einem Fluss, in dem sich unterschiedliche Eindrücke ständig abwechseln.

Unser Ich ist somit ein Bewusstseinsstrom, eine ungeregelte Folge von Bewusstseinsinhalten. Urheber dieses Begriffs ist der Psychologe und Philosoph William James, der bereits 1890 die Idee eines kontinuierlich ablaufenden und sich verändernden Bewusstseinsstroms vertrat.

1Weshalb gibt es laut Hume kein Ich?
  • Eine Vorstellung des Ich müsste auf einem Eindruck beruhen, der unser ganzes Leben lang unverändert bleibt.
  • Einen solchen konstanten Eindruck gibt es aber nicht: Alles an uns, körperlich wie geistig, ist im ständigen Wandel.
2Was zeigt laut Hume der tiefe Schlaf?
  • Im tiefen Schlaf haben wir keine Wahrnehmungen und sind uns unserer selbst nicht bewusst.
  • Wenn das Ich verschwindet, sobald die Wahrnehmungen aussetzen, ist es nichts Dauerhaftes, sondern nur ein Bündel wechselnder Eindrücke.
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Teil 6
Fazit : Der Persönlichkeitskult als leere Ersatztätigkeit

Selbstverliebtheit oder Selbstlosigkeit?

Während die meisten modernen Menschen die Existenz Gottes oder der Seele mit dem Argument ihrer empirischen Unbeweisbarkeit verneinen, wird der Begriff des eigenen Ichs immer wichtiger. Der eigene Persönlichkeitskult dient als Ersatzreligion in einer Zeit, in der es an sinnstiftenden Antworten fehlt.

Es kommt so zu einer Entfremdung zwischen den Menschen, die zum einsamen Mittelpunkt ihres eigenen digitalen Kosmos werden. Die Inszenierung des eigenen Selbst ist jedoch, wie in der Erzählung von Narziss, eine sinnentleerte Tätigkeit.

Ein junges Paar umarmt sich, doch beide schauen dabei auf ihr eigenes Handy

Vielleicht findet sich ein erfülltes Leben nicht in der Selbstverliebtheit, sondern in der Selbstlosigkeit, nicht im Reden über sich selbst, sondern im Zuhören. Wer wir eigentlich sind, zeigt sich weniger in unserem oft verzerrten Selbstbildnis als in unserem Umgang mit unseren Mitmenschen.

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Teil 7
Diskussion : Ist das Leid charakterbildend?

Charakter = die Summe aller Kerben

Das Wort „Charakter“ leitet sich vom griechischen charassein ab und bedeutet Ritze oder Narbe. Der Charakter bezeichnet somit ein Kennzeichen oder Merkmal, an dem jemand erkannt wird. Ähnlich dem Stamm eines Baumes, der durch die Gezeiten geformt wird und die Spuren trägt, welche die Natur in seiner Rinde hinterlässt, ist unser Ich wahrscheinlich die Summe aller Kerben, die das Leben bei uns hinterlässt.

Aus diesem Grund sollten wir unser Schicksal nicht fürchten und unsere Narben mit Stolz tragen, denn gerade sie formen unsere Persönlichkeit.

Ein vom Wind stark gebeugter Baum auf einer Klippe
Ist das Leid zur Charakterbildung notwendig, oder entfaltet sich unsere Persönlichkeit auch im ewigen Glück?
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Teil 8
Synthese

Was macht unsere Identität aus?

01

Narziss (Ovid)

Wer nur sich selbst liebt, verfällt einer trügerischen Illusion: Das Spiegelbild ist unerreichbar.

02

Plutarch

Das Schiff des Theseus bleibt dasselbe, obwohl alle Planken ersetzt werden: Identität liegt im „Geist“, nicht in der Materie.

03

Hume

Es gibt kein festes Ich, denn kein Eindruck bleibt unverändert. Das Ich ist eine Pseudo-Idee.

04

William James

Das Bewusstsein ist ein Strom: eine ständig fliessende, sich verändernde Folge von Eindrücken.

05

Fazit

Der Persönlichkeitskult ist eine leere Ersatzreligion. Wer wir sind, zeigt sich im Umgang mit anderen.

06

Charakter

Unser Ich ist die Summe der Kerben, die das Leben hinterlässt, wie die Rinde eines Baumes.