Philosophia
Philosophie Themenblock Pieper · Berlin · Sartre

Freiheit

Mehr Freiheit ist immer besser – oder? Zwei Gedankenexperimente, drei Positionen und eine kontroverse Diskussion: Wir fragen, ob absolute Freiheit wünschenswert ist, was es heißt, frei von und frei zu etwas zu sein, und warum Freiheit auch eine Last sein kann.

Gedankenexperiment 1 Themenblock Freiheit 01

Ein absolut freier Mensch

Stellt euch vor, ihr würdet einem Menschen begegnen, der absolut frei wäre.

Eine dunkle Gestalt steht nachts allein auf einem nebligen, beleuchteten Weg
Würdest du vorbeigehen oder umdrehen? Die Gestalt kennt keine Regeln und keine Grenzen
Biographie Themenblock Freiheit

Annemarie Pieper (geb. 1941)

Deutsche Philosophin, Professorin für Philosophie in Basel

Bleistiftzeichnung von Annemarie Pieper
Annemarie Pieper
  • Geboren 1941 in Düsseldorf
  • Von 1981 bis 2001 Professorin für Philosophie an der Universität Basel
  • Schwerpunkte: Ethik, Existenzphilosophie (Kierkegaard, Camus, Nietzsche)
  • Bekannt für ihre Einführung in die Ethik, ein Standardwerk für Studierende
  • Unser Text stammt aus dem fiph-Journal Nr. 10 (Herbst 2007)
Pieper Themenblock Freiheit 02

Ist absolute Freiheit überhaupt wünschenswert?

Willkürfreiheit und die Freiheit aller

Es gibt Werte, die wir als absolut „gut“ erachten, weil sie scheinbar keine negativen Seiten haben. Unsere alltägliche Vorstellung von Freiheit gehört dazu: Mehr Freiheit scheint immer besser als weniger Freiheit. Annemarie Pieper widerspricht.

Text · Annemarie Pieper

Was uns an der Vorstellung des laisser faire so fasziniert, ist der Gedanke einer unbegrenzten, undeterminierten Freiheit, die uns keinerlei Bindung, keinerlei Verpflichtung auferlegt, außer solchen, die wir selbst wählen. Kant hat diese Art von Freiheit (im Sinne von Willkür) als ein Leben beschrieben, in dem einem alles nach Wunsch und Willen gehe. Voraussetzung dafür wäre allerdings ein Schlaraffenland mit unerschöpflichen Ressourcen. Bei Licht besehen ist dieser Traum von der großen Freiheit jedoch alles andere als ein wünschenswertes Szenario. Vermutlich würde die Erde nicht einmal zwei Menschen verkraften, die schrankenlos frei sind, ohne sich gegenseitig ins Gehege zu kommen. Vollends unmöglich wird der Gedanke der Willkür im Hinblick auf die Milliarden Menschen, die heute die Weltbevölkerung bilden. Ein Krieg aller gegen alle wäre das Resultat, weil bedenkenlos ausgerottet wird, wer der eigenen Freiheit im Weg steht. Trotzdem ist der Begriff der Willkürfreiheit wichtig, weil wir von ihm ausgehend die notwendigen Einschränkungen einer Freiheit, die nicht nur meine Freiheit, sondern die Freiheit aller ist, besser einschätzen können.

Für aufgeklärte Menschen ist ohne Weiteres einsichtig, dass man jedem Mitglied der Gemeinschaft ebenso viel Freiheit zugestehen muss, wie man für sich selbst fordert. Jeder hat das Recht auf die gleiche Freiheit, und wo immer Freiheit eingeschränkt wird, muss dies um der größeren Freiheit aller willen geschehen. Dies bedarf der ausdrücklichen Zustimmung der Allgemeinheit. Individuelle Freiheit und kollektive Freiheit bedingen einander wechselseitig. Einer allein kann nicht frei sein.

Annemarie Pieper: fiph-Journal Nr. 10, Herbst 2007, S. 1 sowie 3–8
Die Faszination

Die Vorstellung des laisser faire fasziniert uns: unbegrenzte Freiheit, keine Verpflichtungen außer denen, die wir selbst wählen. Kant nennt das Willkür.

Das Problem

In Wirklichkeit nicht umsetzbar: Die Ressourcen sind begrenzt, und die Launenhaftigkeit des Menschen führte zu permanentem Konflikt, zum Krieg aller gegen alle.

Die Lösung

Jeder hat das Recht auf die gleiche Freiheit. Wird Freiheit eingeschränkt, dann nur um der größeren Freiheit aller willen und mit Zustimmung der Allgemeinheit.

Fazit

Ein Mensch allein kann nicht „frei“ sein. Freiheit ist nur im Zusammenleben mit anderen möglich. Aufgeklärte Menschen schränken sich deshalb selbst ein, um das Freiheitsrecht der anderen zu gewährleisten. Der Begriff der Willkürfreiheit bleibt trotzdem wichtig: Von ihm aus erkennen wir, welche Einschränkungen nötig sind.

Steht das so im Text?

Lies die Aussagen genau. Steht das so bei Pieper, steht es gar nicht im Text, oder widerspricht es dem Text?

    Achtung bei „steht nicht im Text“: Eine Aussage kann klug und sogar richtig sein und trotzdem nicht im Text stehen.

    Gedankenexperiment 2 Themenblock Freiheit 03

    Der perfekte Käfig

    Stellt euch vor, ihr lebt in einem goldenen Käfig.

    Zeichnung: Ein Paar sitzt gemütlich auf einem Sofa in einem riesigen goldenen Käfig mit Fernseher, WLAN, Essen und Pflanzen. Die Käfigtür ist geschlossen.
    Und wenn sich die Tür öffnen ließe?

    Alles, was ihr wollt, wird euch sofort erfüllt. Ihr habt keine Verpflichtungen, keine Ängste, kein Leid.

    Aber: Ihr könnt den Käfig nie verlassen.

    Seid ihr frei? Notiert spontan eure Gedanken
    Biographie Themenblock Freiheit

    Isaiah Berlin (1909–1997)

    Britischer Philosoph und Ideenhistoriker, Professor in Oxford

    Federzeichnung von Isaiah Berlin
    Isaiah Berlin
    • Geboren 1909 in Riga (damals Russisches Kaiserreich)
    • Erlebt als Kind die Russische Revolution in Petrograd; die Familie emigriert 1921 nach England
    • Studium und Lehre in Oxford, wo er 1957 Professor für Sozial- und Politische Theorie wird
    • Antrittsvorlesung Two Concepts of Liberty (1958): die Unterscheidung von negativer und positiver Freiheit
    • Verteidigt den Wertepluralismus: Freiheit, Gleichheit und Sicherheit lassen sich nicht immer gleichzeitig verwirklichen
    Berlin Themenblock Freiheit 04

    Zwei Freiheitsbegriffe

    Isaiah Berlin, Two Concepts of Liberty (1958)

    Text · Isaiah Berlin

    Negative Freiheit – Freiheit von Eingriffen

    Negative Freiheit bezeichnet nach Berlin die Abwesenheit von Zwang oder Einmischung durch andere Menschen. Man ist negativ frei, wenn niemand einen daran hindert, etwas zu tun, was man tun möchte. Einschränkungen kommen also nur durch andere Personen oder Institutionen zustande, nicht durch natürliche Gegebenheiten.

    Bsp.: Meinungsfreiheit – Niemand darf die eigene Meinung unterdrücken.

    Berlin betont, dass diese Freiheit wesentlich ist, um individuelle Selbstbestimmung zu sichern. Zu viel Eingriff im Namen der „Vernunft“ oder des „Gemeinwohls“ könne leicht in Autoritarismus führen.

    Positive Freiheit – Freiheit zur Selbstbestimmung

    Positive Freiheit bedeutet dagegen die Fähigkeit, Herr seiner selbst zu sein – also Freiheit zu etwas, nicht bloß Freiheit von etwas. Sie zielt auf Selbstbeherrschung, Autonomie und die Verwirklichung vernünftiger Ziele. Ein Mensch ist positiv frei, wenn er seine Handlungen aus eigenem, reflektiertem Willen bestimmt und nicht von äußeren Zwängen oder inneren Abhängigkeiten (z. B. Süchten) beherrscht wird.

    Bsp.: Eine Person ist positiv frei, wenn sie gebildet genug ist, um selbstständig politische Entscheidungen zu treffen.

    Isaiah Berlin – Two Concepts of Liberty (1958)
    Negative Freiheit · Freiheit von

    Freiheit von Eingriffen. Die Abwesenheit von Zwang oder Einmischung durch andere Menschen. Man ist negativ frei, wenn niemand einen daran hindert, etwas zu tun, was man tun möchte.

    • Grenzen: kommen nur durch andere Personen oder Institutionen zustande, nicht durch die Natur.
    • Beispiel: Meinungsfreiheit. Niemand darf die eigene Meinung unterdrücken.
    • Warnung: Zu viel Eingriff im Namen der „Vernunft“ oder des „Gemeinwohls“ kann leicht in Autoritarismus führen.
    Positive Freiheit · Freiheit zu

    Freiheit zur Selbstbestimmung. Die Fähigkeit, Herr seiner selbst zu sein: Selbstbeherrschung, Autonomie und die Verwirklichung vernünftiger Ziele.

    • Bedingung: Man handelt aus eigenem, reflektiertem Willen, nicht beherrscht von äußeren Zwängen oder inneren Abhängigkeiten (z. B. Süchten).
    • Beispiel: Eine Person ist positiv frei, wenn sie gebildet genug ist, um selbstständig politische Entscheidungen zu treffen.

    Die beiden Freiheiten im Vergleich

    Vervollständige die Tabelle: Klicke auf eine Zelle und wähle die passende Antwort. Die Lösung steht im Text oben.

    Negative FreiheitPositive Freiheit
    Übung Themenblock Freiheit 05

    Negativ oder positiv?

    Ordne jede Situation einem der beiden Freiheitsbegriffe zu.

      Berlin heute Themenblock Freiheit 06

      Frei von allem, aber frei wozu?

      Negative und positive Freiheit in der heutigen Gesellschaft

      • Unsere Gesellschaft legt viel Wert auf negative Freiheit. Menschen akzeptieren autoritäre Eingriffe durch den Staat oder durch Mitmenschen immer weniger.
      • Ein Grund: Negative Freiheit gilt als Grundlage für politischen Pluralismus und individuelle Vielfalt.
      • Viele vernachlässigen jedoch die positive Freiheit, die nur durch Bildung, Selbstreflexion und kritisches Denken wirklich erreicht werden kann.
      Zum Nachdenken

      Werden Handlungen aus Automatismen heraus getätigt, kann man nicht von einem freien Menschen sprechen. Wie oft greifst du am Tag zum Handy, weil du es willst, und wie oft, weil es dich ruft?

      Existenzielle Freiheit Themenblock Freiheit 07

      Café Infinitum

      Existenzielle Freiheit als radikale Verantwortung

      Stell dir deinen perfekten Kaffee zusammen. Du hast die freie Wahl.
      0Entscheidungen getroffen
      00:00Zeit an der Theke
      über 1 Trillionmögliche Kaffees, die du bestellen könntest…
      Niemand wartet hinter dir.
        Inwiefern kann Freiheit auch eine Belastung sein? Denkt an eure Bestellung im Café Infinitum
        Biographie Themenblock Freiheit

        Jean-Paul Sartre (1905–1980)

        Französischer Philosoph, Schriftsteller und Hauptvertreter des Existenzialismus

        Zeichnung von Jean-Paul Sartre mit Pfeife
        Jean-Paul Sartre
        • Geboren 1905 in Paris, Studium an der École normale supérieure
        • Im Zweiten Weltkrieg Soldat und Kriegsgefangener; danach eine der prägenden Stimmen im Paris der Nachkriegszeit
        • Hauptwerk Das Sein und das Nichts (1943); der Vortrag Der Existentialismus ist ein Humanismus (1945) macht seine Ideen populär
        • Romane und Theaterstücke wie Der Ekel (1938) und Geschlossene Gesellschaft (1944)
        • Lehnt 1964 den Literaturnobelpreis ab; lebenslange Partnerschaft mit Simone de Beauvoir
        Sartre Themenblock Freiheit 08
        „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“ Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts (1943)

        Der Mensch steht unaufhörlich vor der Aufgabe, eigene Entscheidungen zu treffen und sein Leben selbst zu gestalten. Diese Freiheit ist eine unvermeidliche Bedingung unseres Daseins: Es gibt keinen vorgegebenen, festen Wesenskern und keine göttliche Instanz, die uns unsere Lebensweise vorschreibt. Der Mensch muss selbst entscheiden, wer er ist und was er aus seinem Leben macht.

        Ständige Wahl

        Wir haben ständige Wahlfreiheit und zugleich die Pflicht, uns selbst zu definieren.

        Volle Verantwortung

        Jeder ist für seine Entscheidungen und ihre Folgen allein verantwortlich. Das befreit und belastet zugleich.

        Entscheidungslähmung

        Je mehr Möglichkeiten, desto größer die Angst, „Türen zu schließen“. Am liebsten würden wir gar nicht mehr entscheiden.

        Warum „verurteilt“?

        Der Mensch wurde ohne eigene Wahl in die Freiheit „geworfen“. Er hat diese Freiheit nicht freiwillig, er kann ihr nur nicht entkommen. Selbst wer nicht entscheiden will, entscheidet sich: dafür, nicht zu entscheiden.

        Rückblick auf das Café

        An der Kaffeetheke ist die Wahl harmlos. Bei Studium, Beruf oder Lebensform ist sie es nicht. Was hilft dir, dich trotz vieler offener Türen zu entscheiden?

        Diskussion Themenblock Freiheit 09

        Körperliche Selbstbestimmung

        Ein praktisches Beispiel für eine kontroverse Diskussion

        Illustration: Eine Hand hält ein rosa Schild mit der Aufschrift My Body My Choice

        Sowohl die Abtreibung als auch die Verweigerung einer Impfung werden als Ausdruck körperlicher Selbstbestimmung verteidigt. Warum wird das eine häufig verteidigt, während das andere kritisiert wird?

        Leitfrage

        Argumentieren wir hier konsequent, oder messen wir mit zweierlei Maß? Diskutiert vor dem Hintergrund des Freiheitsbegriffs.

        Mögliche Diskussionspunkte

        Grenzen

        Hat körperliche Freiheit Grenzen?

        Andere betroffen

        Darf Freiheit eingeschränkt werden, wenn andere betroffen sind? (Erinnert euch an Pieper.)

        Der Staat

        Wann darf der Staat in den Körper eingreifen? (Erinnert euch an Berlins Warnung.)

        Bei diesem Thema gibt es gut begründete Positionen auf mehreren Seiten. Ziel ist nicht, eine Meinung durchzusetzen, sondern zu prüfen, ob wir den Freiheitsbegriff in beiden Fällen gleich verwenden. Argumentiert respektvoll und mit Gründen.

        Wiederholung Themenblock Freiheit 10

        Wer sagt was?

        Pieper, Berlin oder Sartre: Ordne jede Aussage ihrem Autor zu.

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